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Unsere Modelle funktionieren super… bis die Menschen kommen!

Genderstudies und Ingenieurswissenschaften haben nichts miteinander zu tun. Oder doch? An der TU Braunschweig werden mithilfe der Geschlechterforschung Ansätze für innovative soziotechnische Lösungen entwickelt.

Prof. Dr.-Ing. Corinna Bath ist Maria-Goeppert- Mayer-Professorin für „Gender, Technik und Mobilität“ an der Fakultäten für Maschinenbau der TU Braunschweig und der Ostfalia HAW. Sie sprach mit studi38 daüber, was Ingenieurswissenschaften mit Genderstudies zu tun haben und warum Nutzende in Technikentwicklungsprozessen stärker mit einbezogen werden sollten. Foto: Louisa Langholf

Prof. Dr.-Ing. Corinna Bath ist Maria-Goeppert- Mayer-Professorin für „Gender, Technik und Mobilität“ an der Fakultäten für Maschinenbau der TU Braunschweig und der Ostfalia HAW. Sie sprach mit studi38 daüber, was Ingenieurswissenschaften mit Genderstudies zu tun haben und warum Nutzende in Technikentwicklungsprozessen stärker mit einbezogen werden sollten. Foto: Louisa Langholf

Dieser ganze Genderkram nervt doch und ist unnötig. Wie oft hört man das, wenn es zum Beispiel darum geht, Studienarbeiten genderneutral zu formulieren. Dass die Marke BIC noch im Jahr 2012 den Kugelschreiber „BIC for her“ auf den Markt brachte – ein simpler Kuli in den Trendfarben Rosa und Lavendel, nur bis zu 70 Prozent teurer als „geschlechtsneutrale“ Kulis – finden wir allenfalls absurd, bisweilen lustig, aber so richtig in Rage bringt das kaum jemanden. Gendermarketing oder die sogenannte Pinkifizierung beschert uns eine schöne rosa-blaue Welt, in der Mädchen Prinzessinnen und Krankenschwestern werden und Jungen Könige und Ärzte. Die Rollenbilder von sozialen und kommunikativen Frauen, die sich nicht für Technik interessieren, und wortkargen, technikaffinen Männern manifestieren sich in der Berufswahl vieler Berufseinsteiger_innen.

Beim Blick über den Campus einer TU fällt wohl jedem auf, dass sich immer noch mehr Männer für MINT-Berufe entscheiden als Frauen. Welche Folgen diese berufliche Differenzierung für den sozialen und ökonomischen Status vieler Frauen hat, ist bekannt. Dies ist aber nur ein Aspekt eines viel breitgefächerten Themas. „Die meisten denken, wenn sie Gender hören, dass es nur um Frauen geht“, sagt Prof. Dr. Corinna Bath, „aber Männer haben ja auch ein Geschlecht“. Corinna Bath beschäftigt sich mit im Rahmen ihrer Maria-Goeppert-Mayer-Professur für Gender, Technik und Mobilität mit der problematischen Vergeschlechtlichung von Technik. Gender oder Geschlecht bedeutet dabei nicht „Mann oder Frau“, sondern bezieht sich auf verschiedene Kategorien, die gesellschaftliche Vielfalt hervorbringen und mit sozialer Ungleichheit im Zusammenhang stehen, wie zum Beispiel Alter, körperliche Befähigung, Ethnizität und soziale Lage. Eine problematische Vergeschlechtlichung liegt zum Beispiel dann vor, wenn bestimmte Personen von Technik ausgeschlossen werden. Aber wie komm es dazu?

„Ein typisches Phänomen ist die sogenannte Ich-Methodologie. Technikentwickelnde gehen von sich selbst, von ihren eigenen Wünschen und Interessen aus, die sie in die Technik hinein implementieren und schließen damit andere vielfältige Nutzende aus.“ Wenn dann aufgrund mangelnder Information auch noch Stereotype für die Entwicklung herangezogen werden, kommen dabei „Senioren“-Handys mit übergroßen Tasten und das Auto „Fit She’s“ der Marke Honda für die japanische Frau heraus. „Klar sollte man einige Autos auch dafür bauen, dass Kinderwagen oder Einkäufe hineinpassen, aber sobald man das als Frauen-Auto verkauft, ist es fragwürdig. Es gibt auch Männer, die Versorgungsarbeiten übernehmen. Es geht eben nicht um Frauen und Männer, sondern es geht darum, wer ein Auto für welchen Einsatzzweck benötigt.“ Ein Vorschlag aus der Forschung des Teams von Corinna Bath dazu, wie man diese Herangehensweise in der Technikentwicklung verwirklichen kann, ist Partizipation. Beim Partizipativen Design geht es darum, die zukünftigen Nutzenden von der Idee an, also noch vor der Spezifikation, mit in den Entwicklungsprozess zu integrieren. „Bei einer Tagung des deutschen ingenieurinnenbunds e.V., wurde von einem Projekt in einem afrikanischen Land berichtet, in dem eine Entwicklungsorganisation den Leuten vor Ort tolle Hightech-Küchen zur Verfügung gestellt hat. Erst später hat man festgestellt, dass es dort kaum Strom gab. Das zeigt, dass man wirklich von den Bedürfnissen und Interessen der Menschen und auch vom kulturellen Kontext ausgehen muss. Nur dafür werden die Technikstudierenden bisher nicht ausgebildet.“

Aber müssen sich Technikstudierende wirklich mit solchen Fragen auseinandersetzen? „Ja, spätestens der VW-Dieselskandal zeigt uns, dass wir an dieser Stelle ein Defizit in der Ausbildung haben. Die meisten Technikstudierenden erzählen mir, dass sie Technik machen und nicht über die Folgen und den Einsatz nachdenken müssten. Aber dieses Davor und Danach kann man nicht einfach ausblenden.“ Gerade heutige Technologien bergen viele gesellschaftliche Implikationen. Dabei geht es um Fragen wie Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit. Es kommt darauf an, über kleine technische Detail-Probleme nicht zu vergessen, dass jede Technik in einem Kontext steht. Die universitäre Ausbildung ist so ausgelegt, dass Geisteswissenschaftler_innen kaum etwas über Technik wissen und die Technikstudierenden sich umgekehrt wenig mit ethischen und moralischen Aspekten ihres Fachs auseinandersetzen. „Diese einzelnen Disziplinen haben natürlich ihre Berechtigung. Aber ich denke, wir müssen viele Übersetzungsmöglichkeiten zwischen ihnen schaffen. Es muss einen Austausch geben, sonst geht unsere Welt schief. Die Geschlechterforschung kann da mit ihrem Methodenkanon und ihren Tools viel leisten.“ Ein Beispiel für diese Übersetzungsarbeit ist das Projekt GenderING „Automatisiertes Fahren“, bei dem es auch darum geht, mithilfe des Partizipativen Designs die Bedürfnisse der Nutzenden schon im Vorfeld besser zu analysieren.

„Die Kolleg_innen aus der Fahrzeugtechnik sind auf uns zugekommen, weil deutlich wird, dass die Akzeptanz von autonomem Fahren in Deutschland nicht so hoch ist. Als Lösungsansatz wollen sie dann immer die Technik verbessern und da sagen wir, vielleicht müssen wir erst ermitteln, was die Technik können soll, für wen, wofür und warum eigentlich. Ein Informatiker-Kollege hat einmal Folgendes gesagt: Wir können wunderbare Modelle bauen und die funktionieren super. – Bis die Menschen kommen.“ Ich-Methodologie, Vergessen von vielfältigen Nutzenden „An der Uni Bremen wurde ein Smart House entwickelt. Und dabei hat man vergessen, dass das Gebäude auch gereinigt werden muss. Reinigungskräfte kommen zu Zeiten, zu denen wir sie gar nicht wahrnehmen. Und so waren sie auch bei der Technikgestaltung nicht im Sinn. Das Sicherheitskonzept des Hauses war dann so ausgelegt, dass die Leute nicht in das Haus hinein kamen und wenn sie dann drinnen waren, konnten sie nicht einmal das Licht anschalten. Es hat unglaublich viel gekostet und auch Mehrentwicklungsaufwand bedeutet, das wieder gerade zu biegen.“

Nicht Geschlecht, sondern die ausgeübte Tätigkeit ist die relevante Kategorie „Es gibt Untersuchungen die zeigen, dass typische Alleinverdienende in der Regel Wege von a nach b und zurück haben. Also zur Arbeit und nach Hause, dann vielleicht zum Sport und wieder zurück. Menschen, die Versorgungstätigkeiten übernehmen, absolvieren eher Wegeketten. Das heißt, morgens geht es mit dem Kind in die Kita, danach ein bisschen arbeiten, dann noch schnell was einkaufen und das Kind wieder abholen. Unsere Verkehrsinfrastruktur ist aber strahlenförmig angelegt und nicht für Runden. Das ist seit den 80er Jahren bekannt und trotzdem passiert hier nichts.“

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