Abheben ausgeschlossen

Bastian Bielendorfer, Poetry-Slammer, Studienabbrecher und Lehrerkind, im Interview

Lehrerkind Bastian Bielendorfer war schon Side Kick bei Harald Schmidt. Foto: Guido Engels

Lehrerkind Bastian Bielendorfer war schon Side Kick bei Harald Schmidt. Foto: Guido Engels

Ein legendärer Auftritt bei Günther Jauchs Fernseh-Spielshow „Wer wird Millionär“ machte Bastian Bielendorfer berühmt. Ein kurzes Telefonat mit seinem Vater als Telefonjoker brachte Bielendorfer auf die Idee ein Buch über seine Erfahrungen als Lehrerkind zu schreiben. Das hat er getan. In gleich drei Büchern berichtet er charmant und selbstironisch über sein Leben als Kind zweier Lehrer. Sein Buch „Papa ruft an: Standleitung zum Lehrerkind“ ist kürzlich erschienen. Der Poetry-Slammer, Studienabbrecher und angehende Psychologe entführt aber auch in seiner Live-Show „Das Leben ist kein Pausenhof“ in seine absurde und skurrile Welt. Studi38 sprach mit ihm.

Bastian, was geht in dir vor, wenn Papa anruft?

Eine seltsame Mischung aus dem Bedürfnis abzuheben und der neuen Katastrophe zu lauschen, die mein Vater wieder produziert hat, und dem Widerwillen, diese lösen zu müssen.

Was waren die bislang besten und was die schlechtesten Ratschläge deines Vaters?

Mein Vater ist gar nicht so sehr der Typ für Ratschläge. Eher für zwischenzeitliche Mitteilungen zur Erdung meiner Person. Als mein erstes Buch auf Platz 1 der Spiegel Bestsellerliste ging, war der Kommentar meines Vaters „Thomas Mann hat aber mehr verkauft“. Abheben ist so zumindest ausgeschlossen.

Was unterscheidet „Papa ruft an“ von deinen anderen Büchern? Was war dir besonders wichtig?

Letztlich rückt mein Vater mehr in den Fokus als bisher, weil er plötzlich, da meine Mutter in Kur ist, auf sich selbst gestellt ist. Und mein Vater ist zwar hochgebildet, kann aber kein Ei braten ohne eine Kernschmelze zu produzieren. Die Geschichten sind alle dieser wahren Begebenheit entlehnt, beispielsweise wie mein Vater versucht hat, eine Dose Ravioli in der Mikrowelle zu erwärmen, weil er sich tagelang nur von Knuspermüsli ernährt hat. Allerdings ungeöffnet. Ich war selbst erstaunt wie weit Ravioli fliegen können.

Du bist mittlerweile über 30 Jahre alt. Wie lange willst du noch deine Jugend aufarbeiten?

Naja, irgendwann bekommen ab einem bestimmten Alter die Geschichten meiner Jugend etwas Staub. Letztlich ist es aber so, dass das Verhältnis Eltern – Kind sich ja nie wirklich ändert und deshalb zumindest in der Konstellation zwischen mir und meinen Eltern ein ziemlich endloser Quell aus Komik liegt.

Du bist ein Lehrerkind. Was sind die größten Vor- und Nachteile, die sich daraus ergeben?

Unter den Vorteilen ist sicher, dass ich bildungsnah aufgewachsen bin, Bücher in unserem Haushalt omnipräsent waren und meine Eltern sich immer Mühe gegeben haben, dass ich nicht ein komplett verblödeter Schiffschaukelbremser werde. Nachteil war sicherlich, morgens im taubenkotgrauen Pädagogenpassat an den anderen Schülern vorbei gefahren zu werden. Über 13 Jahre lang. Das war bitter.

Was macht heute einen guten Lehrer aus?

Ich denke, die Fähigkeit zu begeistern. Ich hatte das Glück einen Deutschlehrer zu haben, der die Fähigkeit hatte, selbst die dösigsten Pfeifen noch für Literatur begeistern zu können. Allerdings wirft der Schulbetrieb mit seinen engen Curricula jungen Lehrern viele Hindernisse vor die Füße, die verhindern, dass man diese Fähigkeit, zu begeistern, behält.

Würdest du anderen raten, Lehrer zu werden?

Das kommt darauf an. Ich denke, die Lehramtsstudien sollten viel didaktischer aufgebaut werden, viel mehr am Lebenstalltag von Lehrern. Ich habe selbst mal Lehramt studiert und die erste Berührung mit Schülern hatte ich nach 6 Semestern, nach 3 Jahren Studium! Das ist bescheuert und lebensfern, die meisten Lehramtsstudenten wüssten sehr gut nach kurzer Zeit, ob sie diesen Job über Jahrzehnte machen wollen, wenn man sie direkt mal nach 1-2 Semestern in die Schule schicken würde.

Wie beurteilst du das deutsche Bildungssystem?

Es besteht aus einer früh einsetzenden Angstspirale. Wenn du das nicht schaffst, wirst du das nicht können und dann das nicht werden. Wenn du in der Grundschule nicht gut bist, kommst du nicht ins Gymnasium, wenn du das Gymnasium nicht gut abschließt, hast du ein schlechtes oder kein Abi, kannst also 50% aller Möglichkeiten nicht mehr studieren, und dann wird aus dir kein Arzt, sondern ein Parkplatzwächter. Dieser schon sehr früh einsetzende Druck führt dazu, dass Kinder jeglichen Spaß am Lernen verlieren, und das setzt sich in der Uni fort. Wer keinen guten Bachelor macht, muss auf den Master gar nicht hoffen und in manchen Fächern kann man mit seinem Bachelor, anders als es einem bei Studieneintritt versichert wird, rein gar nichts anfangen. Ein Bachelor in Psychologie ist in etwa so viel wert wie ein Abschluss in vergleichenden Textilwissenschaften, man bekommt damit einfach keinen Job.

Haben dich deine Eltern als Autor und Comedian mittlerweile akzeptiert oder wollen Sie noch immer dass du einen ordentlichen Beruf ergreifst?

Naja, ich habe ihnen zuliebe noch mein Diplom in Psychologie beendet, und ich habe erst danach begriffen, WIE wichtig ihnen das war. Als ich ihnen meine Diplomurkunde gegeben habe, hatten sie Tränen in den Augen. Das war schön. Trotzdem wird es in diesem Leben wahrscheinlich keine eigene, psychologische Praxis mehr werden, dafür liebe ich meinen Job zu sehr.

Was kommt, wenn alle Geschichten deiner Familie erzählt sind?

Das ist kein Problem, in meinem derzeitigen Liveprogramm „Das Leben ist kein Pausenhof“ geht es vielleicht noch zu 20% um meine Erfahrungen als Lehrerkind, der Rest findet seine Komik in meinem Alltag mit meiner Frau, meinem Mops Otto und meinem Neffen Ludger. Und was ist der? Natürlich ein Lehrerkind.

Studi38 verlost fünf Exemplare des Buchs „Papa ruft an“ (Piper Verlag) unter allen die uns eine E-Mail an redaktion@studi38.de schreiben, mit der Begründung, warum ihr ein Buch gewinnen wollt.

Kategorie:Campus
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