Das heulende Elend

Bibis Beauty Palace oder Dinge, die ich besser nie gehört hätte

Foto: Scott Griessel - Fotolia

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Völlig unvorbereitet traf mich vor Kurzem das hier: Bibi singt jetzt. Für alle, die da nur ratlos die Augenbrauen heben können: Ihr seid zu alt. Bibi ist keine kleine Hexe, sondern die erfolgreichste YouTuberin Deutschlands.

Mit ihrem Kanal „Bibis-BeautyPalace“ spült die 24-Jährige monatlich über 50.000 Euro in ihre Schatzkammern – und das vornehmlich mit Schminktipps, Flirtanleitungen und flachen Witzen. Böse Zungen könnten jetzt sagen: Mädchen, bleib bei deinem Kleister. Aber die kennen unsere Bibi schlecht. Da authentische Kampagnen für Großkonzerne, Schleichwerbung und eigene Kosmetiklinien natürlich unmöglich die laufenden Kosten einer früheren Studentin decken können, musste schnell ein viertes Standbein her. Hex-hex: Die Debut-Single „How It Is (Wap Bap …)“.

In dem dazugehörigen Musikvideo stöckelt Bibi in knalligem Kurtisanen-Kostüm auf ihr Märchenschloss zu. Dort zieht sie galant die Sonnenbrille aus dem überschminkten Gesicht und platziert dann mit laszivem Knicks das mitgeführte Köfferchen im Entree der Residenz. Sanft plätschert eine Melodie dahin, die sich irgendwo zwischen Kindergeburtstag und Taylor Swift bewegt. Schnell das Intro in bestem Vorschulenglisch („My boyfriend quit, I‘m almost dead“) und schon treibt Bibi ihre zartes Stimmchen mühelos wie eine angeschossene Antilope („I‘m up and down, I feel so fat“) durch schrillste Oktaven, schmeißt Vasen durch die Gegend und sonnt sich im Licht ihres eigenen Erfolgs.

Höhepunkt: Der aufregende Refrain („Wap-bap-düddüüü“), ein paar Luftballons und Seifenblasen und dann ist der Spuk vorbei – Bibi entschwindet über eine Leiter zwischen psychedelisch gefärbten Wolken in den Himmel. Hybris, achwo. That‘s just how it is. Fazit: Maximales Fremdschämen.

Nach kaum 24 Stunden im Netz ist der Song einer der unbeliebtesten Clips aller Zeiten; mit über zwei Millionen Dislikes stehe ich mit meiner Meinung offenbar nicht ganz alleine da. Während die Hater sich in den Kommentaren die Finger blutig tippen, halten die treuherzige Fangirls eisern dagegen. Und auch wenn der Wap Bap-Song erstaunlicherweise wie „The Show“ von Lenka klingt, kann Bibi über die Plagiats-Proteste nur müde lächeln: Im Bild-Interview erklärt sie, dass Parallelen aufgrund der „Riesenmasse an Musik“ ganz „normal“ seien.

Jetzt ist der lieben Bibi aber nicht bloß mangelnde Originalität vorzuwerfen, sondern schlicht und ergreifend fehlendes Rückgrat. Wenn es keinen Anspruch gibt, den zu verteidigen es sich lohnt, braucht sich auch niemand mehr zu wundern, warum man mit Ekel-Pranks und Treue-Tests auf Big Brother-Niveau heutzutage locker 600.000 Euro jährlich machen kann. Bibi freut‘s, denn die kann sich jetzt ein weiteres identitätsstiftendes Attribut in den Wikipedia-Artikel schreiben und ihren kritisch-reflektierten, 13-jährigen Fans mit noch besser getarnter Werbung, das hart ersparte Taschengeld aus den knappen Hotpants ziehen. Daumen hoch!

Kategorie:Campus
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