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„Der soziale Druck ist sicher in bestimmten Gruppen da“

Die Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Daniela Schlütz im Interview

Dr. Daniela Schlütz ist Kommunikationswissenschaftlerin am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. (Foto: Privat)

Dr. Daniela Schlütz ist Kommunikationswissenschaftlerin am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. (Foto: Privat)

Deutschland zählt zu den Synchronisationsländern. Jedoch werden Serien und Filme auch hier immer öfter im Original geschaut. Woran liegt das?
Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen sind die Serien im Original von der Rezeption her einfach einen Tick besser. So gut die Synchronisation in Deutschland auch ist, ein bisschen was geht immer verloren, sei es an Hintergrundgeräuschen oder schauspielerischer Leistung. Zum anderen glaube ich, dass viele Leute es schlicht nicht abwarten können, bis die deutsche Synchronisation kommt, sodass ihnen eigentlich nichts anderes übrig bleibt.

Halten Sie es für realistisch, dass Deutschland irgendwann nur noch im Original ausstrahlen wird?
Hier muss man zwischen Distributionskanälen unterscheiden. Im herkömmlich linearen Fernsehen wird das definitiv nicht der Fall sein. Es wäre möglich, dass auf PayTV-Sendern irgendwann die Wahl besteht, sich die Tonspur auszusuchen, die man hören möchte. Anders ist das bei sämtlichen digitalen Medien, vor allem bei Streamingplattformen wie Netflix, Amazon Prime usw., die schon längst verschiedene Tonspuren und Untertitel anbieten.

Inwiefern spielt sozialer Druck bei der Rezeption im Original eine Rolle?
Der soziale Druck ist sicher in bestimmten Gruppen da, denn viele, gerade jüngere Leute sprechen einfach gut Englisch, was auch mit dem erhöhten Konsum der Sprache zusammenhängt, z.B. sind viele YouTube-Videos auf Englisch. So entwickelt sich ein gutes Sprachverständnis, gerade was Umgangssprache angeht, und je mehr man auf Englisch guckt, desto besser wird man natürlich. Das führt u.U. eben auch dazu, dass man sich über bestimmte Serien und eben auch über deren Originalfassungen distinguiert.

Wie haben Internet-Streamingdienste wie Netflix und Maxdome den Konsum von Serien und Filmen verändert?
Ich denke, sie haben einen großen Einfluss auf die Seriennutzung gehabt. Erstens ist man viel näher am amerikanischen Ausstrahlungsdatum dran. Dadurch haben sie auch Gutes getan, weil man sich die Serien jetzt ganz legal kaufen kann und nicht mehr illegal streamen „muss“. Zweitens haben sie die Nutzungsform sehr beeinflusst, z.B. ermöglichen Streamingdienste binge-watching, also nicht nur eine Folge zu gucken, sondern mehrere am Stück. Was dadurch etwas verloren geht, ist die Diskussion, die sich normalerweise zwischen zwei Folgen entfaltet.

Eine aktuelle Studie hat ergeben, dass die Fremdsprachenkompetenz erheblich zunimmt, wenn man regelmäßig O-Ton mit Untertitelung schaut. Verschenkt Deutschland hier Potenzial?
Ja! Ganz bestimmt. Wenn man sich Skandinavien anguckt oder die Beneluxstaaten – wie die Englisch sprechen, einfach weil sie ihr Leben lang englisches Fernsehen geguckt haben, das ist nicht mehr aufzuholen. Ich würde das niemandem aufzwingen wollen, aber durch die Digitalisierung ist es kein Problem mehr, O-Ton zur Verfügung zu stellen. Bildungspolitisch wäre das ein Riesenschritt nach vorn.

Ein Großteil der heutzutage konsumierten Serien kommt aus dem englischsprachigen Raum. Wie sieht es mit anderen Sprachen aus? Ist auch hier das Schauen im Original sinnvoll?
Das ist tatsächlich fürs Sprachenlernen eher schwierig. Ich hab das mal mit einer dänischen Serie ausprobiert, die ich mir Deutsch untertitelt angesehen habe. Das war schon extrem fremd. Ich denke mal, es macht vor allem Sinn für Sprachen, die man wenigstens rudimentär beherrscht.

Ist Synchronisation überflüssig?
Überflüssig ist sie nicht, denn man muss ja daran denken, dass nicht alle Menschen eine Fremdsprache fließend beherrschen. Ich verstehe es sehr, wenn man sagt: „Ich will mich abends entspannen, ich will nicht nachdenken müssen.“ Und in einer Fremdsprache fernzusehen ist, wenn man sie nicht perfekt beherrscht, immer anstrengender, als auf Deutsch zu gucken.

Was schauen Sie selbst am liebsten?
Viele neue Produktionen aus Amerika, zum Beispiel von HBO. Mein all-time-favourite ist Emergency Room, die ich gerade zum dritten Mal gucke (lacht). Was mich kürzlich sehr beeindruckt hat, war Mr. Robot, ansonsten schaue ich gern Klassiker wie The Wire und Breaking Bad.

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