Herbst im Kopf

Plötzlich vermisse ich den Sommer gar nicht mehr so sehr

(Herbst im Kopf. (Foto: Pixabay)

Herbst im Kopf. (Foto: Pixabay)

Bis Ende September konnte man sich einreden, dass es eigentlich ja noch Spätsommer ist. Zumindest wollte mir das mein Radiomoderator jeden Morgen weismachen. Aber jetzt ist definitiv kein September mehr nund auch der Unterhaltungskasper meldet nur noch kleinlaut die wenigen Sonnenstunden des Tages. Mittlerweile hat auch er es eingesehen: Summer is gone! Dafür schwafelt er jetzt von gemütlichem Kerzenlicht, langen Spaziergängen und Igeln, die durch meinen (nicht vorhandenen) Garten kullern – und lässt dabei garantiert kein Herbst-Klischee aus.

In meiner Realität sieht Herbst so aus: Wenn um 7 Uhr der Wecker klingelt, ist es immer noch rabenschwarze Nacht – auch die Sonne scheint zu müde, um sich ernsthaft aufraffen zu können. Wenn sich dann doch einer meiner Füße traut, unter der Decke hervorzulugen und die feindliche Umgebung außerhalb des Bettes zu erkunden, ist der schwierigste Part der Morgenroutine bewältigt. Der Blick aus dem Fenster lässt mich zwar sofort an meinem Vorhaben zweifeln, aber immerhin: Ich stehe! Nach dem obligatorischen Gang zur Kaffeemaschine (P.S.: Ich liebe dich!) verrät mein Spieglein-Spieglein-an-der- Wand mir, dass ich definitiv nicht die Schönste in diesem Land bin. Meine Augen sind noch nicht richtig auszumachen, die Haare auf Krawall gebürstet – klasse! Erstmal noch’n Kaffee. Gerüstet wie zur sibirischen Tundra- Expedition (natürlich wie immer ohne Handschuhe) verlasse ich das Haus und fühle mich dabei wie eine dieser russischen Matroschka-Puppen, die man endlos ineinander schachteln kann. Trotzdem versuche ich ein optimistisches Lächeln, bis ich bemerke, dass man das unter dem riesigen Schal gar nicht sehen kann. Der Nebel hält sich hartnäckig, er ist derart dicht, dass ich die gegenüberliegende Straßenseite nicht erkennen kann. Blöd, denn die Funzel an meinem Rad ist nicht gerade ein Nebelscheinwerfer … Aber no matter what – ich habe jetzt beschlossen, dass der Tag beginnt.

Und als hätte sie es geahnt, schenkt mir die Sonne einen ersten Gruß. In der Uni angekommen ist die Frisur zwar dank der Luftfeuchtigkeit unrettbar verloren und meine Hände sind dem Kältetod nahe, aber in der Cafeteria taue ich langsam auf, während ich der Urlaubsstory meiner Freundin lausche: Türkei, brütend heiß, Party all day long, „supergeil“! Eigentlich habe man die ganzen Zeit nur am Strand rumliegen können, erzählt sie, wie die Sardinen dicht an dicht, habe geölt wie ein Scheich, zu heiß für alles – selbst in der Nacht waren es noch 25 Grad. Aber geschlafen habe sie da eh nicht viel, denn selbst nackt sei es zu heiß gewesen, „wenn du verstehst, was ich meine“. Das nächste Mal müsse ich unbedingt mitkommen. Augenzwinkern. Plötzlich vermisse ich den Sommer gar nicht mehr so sehr. Ich schaue aus dem Fenster, die Sonne gibt mittlerweile tatsächlich ihr Bestes und auf einmal finde ich Kerzenlicht, Spaziergänge und Igel doch gar nicht so übel…

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