• Home
  • > >
  • „In Braunschweig ist die Situation am prekärsten“

„In Braunschweig ist die Situation am prekärsten“

Sönke Nimz (Geschäftsführer des Studentenwerks OstNiedersachsen) über knappen Wohnraum, steigende Preise und die schwierige Situation ausländischer Studierender

Plakatmotiv: "Es kann nur einen geben" von Mark Julien Hahn (Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart).

Plakatmotiv: "Es kann nur einen geben" von Mark Julien Hahn (Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart).

Herr Nimz, Sie leiten das Studentenwerk Ost Niedersachsen. Wie viele Studierende und wie viele Wohnheimplätze gibt es in Ihrem Gebiet?
Insgesamt gibt es in der Region etwas über 60.000 Studierende, 35 Wohnheime und insgesamt 4.600 Wohnheimplätze. Das bedeutet nicht einmal für jeden zehnten Studierenden gibt es theoretisch einen Wohnheimplatz und das ist nicht gerade berauschend.

Ist ein Neubau von Wohnheimen in nächster Zeit vorgesehen?
Im Moment plant das Studentenwerk selbst leider keine Neubauten. Unsere finanziellen Mittel geben das einfach nicht mehr her. Es gibt schon seit vielen Jahren keine öffentliche Förderung des studentischen Wohnheimbaus mehr. Das heißt, wir müssen alles selbst oder über Kredite finanzieren. Aktuell benötigen wir aber viele Mittel für die Sanierung unserer älteren Immobilien. In den vergangenen Jahren konnten wir allerdings einige neue Wohnheime gemeinsam mit Investoren realisieren, die langfristig an uns vermieten.

Am Affenfelsen wird schon seit einer gefühlten Ewigkeit gebaut...
Ja, wir haben gerade unser größtes Wohnheim hier in Braunschweig, landläufig unter Affenfelsen bekannt, saniert und sind mittlerweile in der Endphase. Es soll dieses Jahr fertig werden. Das Projekt hat insgesamt ein Volumen von 37 Millionen Euro.

Wie günstig sind Wohnheimplätze im Vergleich zu anderen Wohnungen?
Da gibt es leider kaum noch einen Unterschied. Seit den 90er Jahren bekommen wir keine Fördermittel mehr. Das heißt, alle Sanierungsmaßnahmen und Neubauten durch Investoren müssen wir zu marktüblichen Konditionen refinanzieren. Dadurch sind wir gezwungen, von den Studierenden ganz normale Mietpreise zu verlangen.

Gibt es keine Ausnahmen?
Günstige Mieten, wie es früher traditionell die Idee des Studentenwerks war, sind nur möglich, wenn die Bauten staatlich gefördert werden. Wir haben noch Wohnheime, die in der Vergangenheit gefördert wurden. Dort sind die Plätze vergleichsweise günstig. Aber mit jeder weiteren Sanierung, bei jedem weiteren Neubau entsteht am Ende Wohnraum, der sich preislich nicht vom klassischen Wohnungsmarkt unterscheidet.

Sönke Nimz ist Geschäftsführer des Studentenwerks OstNiedersachsen, das mehr als 60.000 Studierende an zehn Standorten betreut. (Foto: Privat)
Sönke Nimz ist Geschäftsführer des Studentenwerks OstNiedersachsen, das mehr als 60.000 Studierende an zehn Standorten betreut. (Foto: Privat)

Was unterscheidet ein Wohnheim dann noch von anderen Wohnformen?
Zum Beispiel die große Offenheit. Wir bringen alle Studierenden, die sich bei uns bewerben, potentiell unter, wenn wir genug Plätze haben. Und das ohne eine Verdienstbescheinigung der Eltern. Bei uns wird auch niemand schräg angeguckt, weil er aus dem Ausland kommt. Wir haben einen Basisversorgungsauftrag. Außerdem bieten wir studentengerechten Wohnraum. Nehmen Sie den Affenfelsen. Dort gibt es beispielsweise Einzelappartements, die eine Größe von 15 Quadratmetern haben. Das werden sie auf dem freien Wohnungsmarkt kaum finden.

Wie würden Sie den regionalen Wohnungsmarkt grundsätzlich beschreiben?
Wir haben insgesamt eine Verknappung, besonders in einer Stadt wie Braunschweig, deren Bevölkerung in den letzten Jahren gewachsen ist. Dazu kommt eine steigende Zahl von Studierenden und daher ist der Wohnraum für sie sehr knapp. Das ist ein Thema, das uns vom Studentenwerk beschäftigt.

Ist die Situation in den anderen Städten der Region ähnlich?
In Braunschweig ist die Situation am prekärsten. In Wolfsburg war sie bis letztes Jahr auch sehr angespannt. Dort haben wir mit einem neuen Wohnheim mit über 100 Plätzen letztes Jahr für deutliche Entlastung gesorgt. Wir merken, dass die Wartelisten sich wesentlich verkürzt haben. In Wolfenbüttel ist die Situation angespannt, aber nicht hoffnungslos.

Wie wird sich der Wohnungsmarkt in den nächsten Jahren entwickeln?
2020 wird es durch die Umstellung des Abiturs von 12 auf 13 Jahre einen deutlich reduzierten Jahrgang geben. Das wird sich deutlich auf den studentischen Wohnungsmarkt auswirken, weil weniger Erstsemester kommen. Diesen Zeitraum von vier Jahren müssen wir überbrücken und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das auch hinkriegen.

Welche Möglichkeiten haben Studierende auf dem freien Wohnungsmarkt und wie sind dort die Preise?
Wir vom Studentenwerk haben nicht nur Einzimmerappartements, sondern ganze Wohnheime wie in der Weststadt, in denen es nur WGs gibt, dazu Wohnheime mit Doppelappartements. Es gibt bei uns ein sehr breites Spektrum an verschiedenen Wohnformen und im Übrigen auch für jede Wohnform eine Nachfrage. Ähnlich ist es auf dem privaten Wohnungsmarkt. Wenn man sich die Anzeigen der Vermieter anguckt, gibt es extrem hochpreisige Angebote, aber beispielsweise an den schwarzen Brettern der Hochschulen auch Zimmer zu sehr verträglichen Preisen, gerade in WGs, die schon länger angemietet werden. Grundsätzlich würde ich Studierenden, die eine preisgünstige Wohnung suchen, raten, dort nachzuschauen.

Wie verhält es sich mit den internationalen Studierenden? Wie verteilen sich diese auf dem Wohnungsmarkt?
Grundsätzlich kann man sagen, dass sie ganz überwiegend in den Wohnheimen wohnen, weil unsere Erfahrung ist, dass ausländische Studierende auf dem öffentlichen Wohnungsmarkt sehr viel schlechtere Chancen haben. Das liegt daran, dass deutsche Vermieter an deutsche Studierende vermieten. Der Anteil ausländischer Studierender liegt etwa bei 10 Prozent, in unseren Wohnheimen machen sie ungefähr die Hälfte der Bewohner aus und das ist auch in Ordnung. Über die Wohnheime verteilt sich das relativ gleichmäßig.

Welche Möglichkeiten haben Studierende auf dem sozialen Wohnungsmarkt und wie sollten sie am besten vorgehen?
Die Studierenden müssten sich einen Wohnberechtigungsschein holen und können versuchen, sich damit zu bewerben. Aber ich weiß, dass die Wartelisten sehr lang sind. Insgesamt hat der soziale Wohnungsbau in den letzten Jahren nicht prosperiert. Das heißt, die Chance, dass man tatsächlich aufgrund eines Wohnberechtigungsscheins eine Wohnung findet, bevor man mit seinem Studium fertig ist, ist doch eher gering.

Es gibt gerade zu Semesterbeginn immer wieder Meldungen über pendelnde oder in Hotels wohnende Studierende, die keine Wohnung finden. Könnte das nicht gerade Erstsemester abschrecken?
Braunschweig ist erst einmal in jeder Hinsicht eine sehr attraktive Stadt – auch zum Studieren. Die Zahl der Studierenden hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen und wir haben in Braunschweig – selbst wenn man das manchmal liest  – keine Wohnungsnot, eher eine deutliche Wohnungsknappheit im studentischen Bereich.  Wer bereit ist, deutliche Kompromisse einzugehen, findet in den Randgebieten von Braunschweig und auch in der näheren Umgebung ausreichend Wohnraum und alle Studierenden haben ein Semesterticket. Das heißt, sie können den öffentlichen Nahverkehr kostenlos nutzen.

Zu anderen Zeitpunkten im Jahr dürfte es leichter sein, eine Wohnung zu finden, oder?
In der Tat. Wie in anderen Großstädten in Deutschland kommt ein Großteil der Studierenden aus der Umgebung und könnte zu Beginn des Studiums erst einmal zuhause wohnen bleiben, auch wenn das sicher nicht die optimale Lösung ist. Wir haben diese extreme Wohnungsknappheit insbesondere zu Anfang des Wintersemesters. Wer im Oktober oder November  eine Wohnung sucht, wird Schwierigkeiten haben. Wenn man die Möglichkeit hat, noch ein paar Monate zu Hause wohnen zu bleiben und dann im Februar oder März sucht, ist es deutlich entspannter.

Also alles halb so schlimm?
Ich möchte die Situation nicht beschönigen. Aber wer ein bisschen flexibel ist, hat auch die Chance, in Braunschweig einen sehr attraktiven Wohnraum zu finden.


Plakatwettbewerb

Unter dem Motto „Wie gewohnt“ hat das Deutsche Studentenwerk 2015 zum 29. Plakatwettbewerb aufgerufen. Insgesamt beteiligten sich 378 Studierende und reichten 640 Plakate ein – das ist Rekord! Übrigens: Wer noch Wandschmuck für die eigene Studentenbude sucht, kann einzelne Motive der vergangenen Wettbewerbe bei Übernahme der Portokosten bestellen.

^