(Kein) Platz da!

Auf den Spuren der studentischen Wohnungsnot

Viele Studenten, wenige Wohnungen: Ein alt bekanntes Problem.

„Ach was Hotel. Ne Bude braucht er!“ Schon im Film „Die Feuerzangenbowle“ aus den 1940er Jahren ist den alten Freunden rund um den angehenden Spät-Pennäler Johannes Pfeiffer (Heinz Rühmann) klar: Wer in der Ferne lernen will, braucht auch eine der Studiererei angemessene Unterkunft.

Während Pfeiffer im Filmklassiker, der heute insbesondere unter Studierenden Kultstatus genießt, keine großen Probleme hat, eine Bleibe zu finden, stellt sich die Situation gut sieben Jahrzehnte später in der Realität leider anders dar: „Also wohin es mich nach meinem Studium verschlägt, weiß ich jetzt noch nicht so genau, aber hoffentlich wird die Wohnungssuche nicht wieder so schwierig wie hier.“ Sebastian (26) studiert an der TU Braunschweig.. In weniger als einem Jahr will er seinen Masterabschluss in der Tasche haben.  Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass er nach Braunschweig zog und dort mit Startschwierigkeiten zu kämpfen hatte. „Als ich meine Zusage zum Master in Braunschweig bekommen habe, fing ich direkt an, eine Wohnung zu suchen. Leider hat sich das schwieriger gestaltet als gedacht.“ Während er die ersten zwei Wochen noch in einer Jugendherberge in Wolfenbüttel verbringen musste, führte ihn sein Weg zunächst für einige Monate nach Volkmarode, den äußeren Stadtrand Braunschweigs, bis er schließlich eine Wohngemeinschaft im östlichen Ringgebiet nahe der Uni fand.

Wohnungsnot – Hauptproblem für angehende Studierende

Sebastians Odyssee ist nicht unüblich. Immer öfter hört und liest man vom Wohnungsmangel in Universitäts- städten. Während sich die Bildungsstätten häufig damit brüsten, zunehmend mehr Studierende aufzunehmen, scheint man zu vergessen, dass zu einem erfolgreichen Studium weitaus mehr Infrastruktur gehört, als nur ein Sitzplatz im Audimax. „Nach meinem Bachelor in Thüringen wollte ich gerne wieder in eine WG ziehen, aus finanziellen und aus sozialen Aspekten. Unterm Strich musste ich das erste halbe Jahr in Braunschweig aus Mangel an Alternativen weit über meinem Budget wohnen“, klagt Sebastian. Woran liegt es nun, dass mehr und mehr Studierende mit Wohnungsnot zu kämpfen haben? Ist die Infrastruktur nicht entsprechend mit den Studierendenzahlen gewachsen oder ist der Wohnungsmangel eher ein Gefühl statt faktisch belegbarer Realität? Sind die Ansprüche zu hoch oder gibt es wirklich zu wenig Wohnraum für Studierende in Braunschweig? Versetzt man sich in die Lage der Studierenden, liegt schnell auf der Hand, woran es liegen könnte: Das Budget für die Miete ist meist gering und löchrige Stundenpläne machen häufiges Pendeln zwischen Uni und Unterkunft notwendig. Eine Entfernung von mehr als einer halben bis Dreiviertelstunde mit dem öffentlichen Nahverkehr macht ein ausgewogenes Studentenleben fast unmöglich. Selbst gebürtige Braunschweiger bleiben ungern bei ihren Eltern wohnen – Selbständigkeit und Unabhängigkeit sollen neben guten Noten schließlich ebenfalls erlangt werden. Im Jahr 2011 wurden die Hochschulen und Universitäten in besonderer Form geflutet: Die Bundesregierung setzte die Wehrpflicht aus; zeitgleich  immatrikulierten sich junge, angehende Akademiker aus den doppelten Abiturjahrgängen. Der Wohnungsmarkt hielt mit dieser erhöhten Nachfrage nicht Schritt – die Zahl der freien Wohnungen blieb weit hinter den Studierendenzahlen zurück.Studentenwohnheime – ursprünglich als idealer Kompromiss aus kostengünstigem und campusnahem Wohnen gedacht – bieten keine wirkliche Alternative mehr. Teils bis zu sechs Monate Wartezeit und länger erlösen nicht von der Pflicht, sich anderweitig nach einer Bude umzuschauen. „Viele Studenten bleiben wohnungstechnisch auf der Strecke“, beklagen Studentenvertreter. Neben der Technischen Universität gibt es in Braunschweig einen Standort der Ostfalia sowie die Hochschule für Bildende Künste (HBK). Allein an der TU sind die Studierendenzahlen in den letzten fünf Jahren um fast dreißig Prozent gestiegen.

Entwicklung der Studierendenzahl an der TU Braunschweig. (Quelle: TU Braunschweig)
Entwicklung der Studierendenzahl an der TU Braunschweig. (Quelle: TU Braunschweig)

Neue Studentenwohnungen entstehen – andere fallen weg

Wie sich die Wohnsituation der Neuankömmlinge gestaltet, ist schwer zu ermitteln. Valide Daten über die individuelle Unterkunftslage sind praktisch nicht vorhanden. Dazu kommen noch mannigfaltige Erscheinungsformen des studentischen Wohnens: zum Beispiel in Ein-Raum-Wohnungen, WGs, im Wohnheim, in Anwesen von Studentenverbindungen, im Elternhaus oder gar – für die, die es sich leisten können – in einer Eigentumswohnung. Die Stadtverwaltung Braunschweig bestätigte auf Anfrage, dass keine Statistiken über die Vergabe von Wohnraum an Studierende geführt werden. Das Studentenwerk besitzt zwar Zahlen – diese decken allerdings nur einen unbestimmten Teil der Studierendenschaft ab und Wohnungsbaugesellschaften halten sich gerne verschlossen, was ihre Mieter betrifft. Dennoch: Die Stadt hat die Dringlichkeit des Problems erkannt und versucht, dem Trend entgegenzuwirken. Bis 2020 sollen 5000 neue Wohnungen und Einfamilienhäuser entstehen. Oberbürgermeister Ulrich Markurth, stellt dazu fest: „Nicht mehr alle, die gern in Braunschweig leben möchten, finden hier derzeit passenden, bezahlbaren Wohnraum. […] Dies haben wir erkannt und reagiert.“ 2013 hatte das Studentenwerk OstNiedersachsen 1939 Wohnheimplätze für Studierende in Braunschweig zur Verfügung. Dass es gerade sein größtes Wohnheim mit 852 Wohnheimplätzen, bekannt als Affenfelsen, nach etwa 40 Jahren umfangreich saniert, ist zwar grundsätzlich zu begrüßen – diese Maßnahme verschärft die Situation jedoch zusätzlich, da Studierenden schlichtweg ihr Zimmer gekündigt wurde, ohne für adäquaten Ersatz zu sorgen. Ulrich Markurth diskutierte im Mai 2014 im Rahmen einer Gesprächsrunde in der Braunschweiger Nordstadt über das Wohnen in diesem Viertel. Durch den Neubau des Niedersächsischen Forschungszentrums für Fahrzeugtechnik (NFF) sollen dort künftig viele Studierende lernen und forschen. Dies wird den Bedarf an Unterkünften in der Nähe zur Einrichtung verstärken. Besonders wichtig, so Markurth, sei ein Wohnungsbau, der alle Segmente abdecke. Faktoren wie Barrierefreiheit, Einkaufsmöglichkeiten vor Ort, eine gute Verkehrsanbindung und Grünflächen in der Nähe spielen dabei eine Rolle. Am wichtigsten sei jedoch, so der Oberbürgermeister, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Wohnungsmangel sei momentan das größte Problem Braunschweigs. Das bestätigt auch eine Studie des  Pestel-Instituts. Demnach fehlen bis 2017 insgesamt 3030 Mietwohnungen in Braunschweig. Der Grund: In den letzten Jahren wurde schlichtweg zu wenig gebaut. Auch wenn sich diese Zahlen auf die Wohnsituation aller Bürgerinnen und Bürger bezieht, so wirkt sich der Wettbewerbs- und Preisdruck auf dem Wohnungsmarkt insbesondere bei den Studierenden aus.

Neu gebaute Wohnungen in Braunschweig, insgesamt . (Quelle: Stadt Braunschweig)
Neu gebaute Wohnungen in Braunschweig, insgesamt . (Quelle: Stadt Braunschweig)

Hohe Nachfrage – geringes Angebot: Die Preise steigen

Ein WG-Zimmer in Braunschweig kostete 2008 durchschnittlich 214 Euro kalt. Dieser Wert stieg bis 2014 auf 290 Euro an. Auch der Quadratmeterpreis für Ein-Zimmer-Wohnungen wuchs im gleichen Zeitraum um 39 Prozent. Der allgemeine Mietspiegel liegt in der Innenstadt und im bei Studierenden beliebten Östlichen Ringgebiet bei acht bis zehn Euro. Braunschweig stellt bei der Wohnraumsituation und deren Entwicklung im Vergleich zu anderen Universitätsstädten keine Ausnahme
dar – im Gegenteil: Attraktive Universitätsstädte wie Braunschweig – als wirtschaftlich starke Region – sind von der studentischen Wohnungsnot besonders betroffen. Zahlreiche angehende Akademiker zieht es vom Land in die Großstadt. Angesichts des hohen Mietpreisniveaus und des erheblichen Mangels an Wohnungen fordert der Deutsche Städtetag ein entschlossenes Vorgehen von Bund und Ländern. Der Neubau von Wohnungen müsse ebenso gesichert werden, wie ein wirksamer Schutz der Mieter. Auch auf Seiten der Studierenden wird die Forderung nach bezahlbarem Wohnraum immer lauter. Wie im Fall von Sebastian wollen sich die jungen Menschen auf ihr Studium konzentrieren. Langes Pendeln und Nebenjobs, um die Miete finanzieren zu können, sind in solchen Fällen kontraproduktiv.

Kreative  Zwischenlösungen helfen nicht allen

Es kristallisiert sich also zunehmend heraus, dass die Wohnungsnot für Studierende kein Hirngespinst der Medien ist, sondern real existiert und sich mittlerweile auch zu einem zentralen Thema der Politik entwickelt hat. Die  Lösung lässt jedoch auf sich warten. Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) versucht derweil, die Situation kreativ zu lösen. Die Aktion Couchsurfing  vermittelt vor allem zu Semesterbeginn Schlafplätze an Studierende, die bis zum Semesterstart noch keine Unterkunft gefunden haben. Studierende, die bei der Wohnungssuche mehr Glück hatten, stellen hier für einige Nächte ihre Couch zur Verfügung. Dies kann zwar nur eine kurzfristige Lösung sein, hilft aber in der größten Wohnungsnot. „Hier standen jeden Tag Leute mit dem Trolly vor der Tür, die keine Wohnung fanden“, beschreibt Isabell Breeck vom TU-AStA die angespannte Wohnlage im vergangenen Wintersemester. Sebastian belasten diese Probleme aktuell nicht mehr. In seiner Dreier-WG im östlichen Ringgebiet wohnt er nahe dem Hauptcampus. „Das Wichtigste ist, dass auch die Chemie mit den Mitbewohnern stimmt.“ Denn manchmal sei es nicht nur der quantitative Mangel an Angeboten, sondern auch der qualitative, der dazu führe, dass sich einige Anwärter bei der Wohnungssuche schwerer tun als andere. „Ich bin aber überzeugt, dass über kurz oder lang jeder Studierende sein passendes Plätzchen finden wird. Das Abenteuer Wohnungssuche kann ja auch eine interessante Erfahrung sein“, sagt Sebastian und schließt mit dem Satz, den auch Filmfigur Johannes Pfeiffer wählt, nachdem er sich in seiner Bude eingelebt hat: „Ich fühle mich hier sauwohl!“

Studierendenwohnheime in Braunschweig

(Map tiles by Stamen Design, under CC BY 3.0. Data by OpenStreetMap, under CC BY SA)
(Map tiles by Stamen Design, under CC BY 3.0. Data by OpenStreetMap, under CC BY SA)

1 – Langer Kamp
Hans-Sommer-Straße 25 135 Wohnplätze + 48 für Studentinnen
2 – An der Schunter
Bienroder Weg 54 479 Wohnplätze
3 – Jakobstraße
Jakobstraße 1a 47 Wohnplätze (bis 2011)
4 – Karlstraße
Hagenring 27 21 Wohnplätze
5 – APM Rebenring
„Affenfelsen“ Rebenring 61-64 852 Wohnplätze
6 – Zimmerstraße
Zimmerstraße 2 31 Wohnplätze (bis 2010)
7 – Wiesenstraße
Wiesenstraße 17 30 Wohnplätze
8 – Michaelishof
Güldenstraße 8 165 Wohnplätze
9 – Weststadt
Münchenstraße;  Ecke Emsstraße 231 Wohnplätze
10 – Wilhelmsgarten
Wilhelmstraße 1 160 Wohnplätze
11 – Kuhstraße
Kuhstraße 18 21 Wohnplätze  (nur 2013, jetzt Gästehaus)

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