‚‚Letztendlich sind die anderen Politiker auch Clowns“

Der Satitiker Shahak Shapira über die Machtergreifung in 31 Facebook-Gruppen der AFD, sein Engagement bei der Partei Die Partei und das kontrovers diskutierte Projekt Yolocaust.

Shahak Shapira. Foto: Boaz Arad

Moin Shahak, hast du heute schon jemanden verarscht?

Ähhm, ja bestimmt. Christian Lindner zum Beispiel.

Ich rufe aus Braunschweig an. Kennst du die Stadt und weißt was hier vor 85 Jahren geschehen ist?
Wahrscheinlich irgendwas gegen Juden.

Naja, nicht ganz. Hitler bekam hier seine deutsche Staatsbürgerschaft.

Also doch etwas gegen Juden.

Findest du es wichtig, sich auch heute noch an solche Ereignisse zu erinnern und als Mahnung für die Zukunft zu verstehen?

Sicher. Man sollte an jeden Meilenstein in Hitlers Vita erinnern, um zu verhindern, dass sich so etwas wiederholt.

Du hast die mangelnde Erinnerungskultur am Mahnmal in Berlin mit der Plattform Yolocaust kritisiert. Wie kamst du auf diese Idee?

Ich habe dieses Selfie-Phänomen am Mahnmal jahrelang in den sozialen Netzwerken beobachtet. Und dann dachte ich mir, dass ist irgendwie nicht so geschmackvoll. Grundsätzlich glaube ich aber, die Erinnerungskultur in Deutschland ist nicht so schlecht.

Weshalb hast du die Fotos wieder entfernt?

Ich habe den Leuten, die sich auf den Bildern erkennen, die Möglichkeit gegeben, sich bei mir zu melden. Das haben alle getan und daraufhin habe ich die Bilder aus dem Netz genommen.
Du schaffst es durch deine digitale Präsenz hochpolitische Themen so zu verarbeiten, dass sich auch junge Menschen wieder mit Politik beschäftigen.

Ist Satire Deutschlands letzte Hoffnung auf eine politikinteressierte Jugend?

Puh, ich glaube nicht. Ich habe eher das Gefühl, dass sich junge Menschen weltweit generell wieder vermehrt für Politik interessieren. Vieles, was ich tue, hat mit Politik zu tun, aber darauf lege ich es nicht an. Eigentlich will ich Dinge machen, die jedem zugänglich sind. Aber wie man in jüngster Zeit sieht, kann Satire auch Politik machen. Letztendlich sind die anderen Politiker auch Clowns. Wir sind nur ein bisschen lustiger.

Seit einigen Wochen bist du der Reichspropagandaminister der Partei Die Partei. Wie kam es zu diesem Engagement?

Eigentlich ist es eine Frechheit, dass mir dieser Posten so spät angeboten wurde. Aber die Vertreter der Partei sind ab und an etwas verpeilt. Grundsätzlich ist es auch unter meiner Würde, unter einem Türken (Serdar Somuncu) zu dienen. Aber ich habe damit meinen Frieden geschlossen und mich für die gemeinsame Sache gefügt.

Wie, wann und durch wen wurdest du politisiert?

Weiß ich nicht. Eine Zeit lang habe ich mich überhaupt nicht für Politik interessiert, weil ich hier kein Wahlrecht habe. Je wichtiger es wurde, dass Menschen für sich einstehen, desto
politischer wurde ich.

Wird deine jüdische Abstammung für dich von Medien zu oft thematisiert?

Ja, leider. Ich will einfach nur ein normaler Mensch sein. Neo-Nazis und Islamisten haben mich zum Juden gemacht. Vorher war ich ein ganz normaler Israeli. Das war der Grund, weshalb sie mich schlagen, jagen, anspucken und beschimpfen wollten. Und irgendwann habe ich diese Rolle auch angenommen, weil ich mir dachte: Jetzt erst recht. Aber ich bin kein gläubiger Jude. Ich bin ein atheistischer Mann jüdischer Herkunft.

Schenkt dir deine Herkunft mehr Freiheiten für kontroverse Statements?

Nein, und ich finde es diskriminierend, das zu sagen. Das sagen Rassisten. Damit diskreditierst du Menschen aufgrund ihrer Herkunft. Es ist eher genau das Gegenteil. Ich habe eben nicht die Möglichkeit, so frei darüber zu sprechen, ohne dass die üblichen Vorurteile aufkommen. Ich nehme mir diese Freiheit, weil ich Comedian bin, nicht weil ich Jude bin.

Wer bringt dich zum Lachen?

Es gibt viele lustige Leute auf Twitter und ansonsten eigentlich nur Comedians aus den USA.

Bist du die deutsche Antwort auf Dave Chappelle?

Das ist das größte Kompliment, was du mir machen kannst. Mein größtes Idol ist Louis C.K., aber Dave Chappelle ist dicht dran. Louis hat 30 Jahre gebraucht, um so gut zu sein. Es braucht einfach sehr viel Zeit, um richtig gut zu werden.

Die internetaffinsten Wähler gehören zur AFD. Du und deine Kollegen von Die Partei haben sich seit November 2016 dieses Trends bedient und 31 AFD Facebook-Gruppen infiltriert und vor einer Woche die Macht übernommen. Wie kamt ihr darauf und was wollt ihr mit dieser Macht anfangen?

Die Partei kam erst später dazu. Ich möchte mich an dieser Stelle bei der AFD bedanken, dass sie uns ihre Gruppen zur Verfügung gestellt haben. Das ist sehr großzügig von ihnen. Wir wollten schon immer welche haben. Jetzt werden wir die Gruppen ordentlich aufmischen. Aber bislang passieren in den verschiedenen Gruppen ganz unterschiedliche Dinge. Meine liebste Gruppe ist die ehemalige Heimat-Liebe-Gruppe, die jetzt Hummus-Liebe heißt. Da werden ganz viele ansprechende Grafiken über Hummus gepostet. In anderen Gruppen treffen auch beide Seiten aufeinander und es kommt zum Dialog.

Wie begegnest du Drohungen wie der von von AFD-Politiker Andre Poggenburg, der dich verklagen will?

(Lautes, hämisches Lachen) Beantwortet das deine Frage? Das ist natürlich völlig lächerlich. Für was will er mich denn verklagen?

Ist das Internet mehr Chance auf politische Veränderung oder gefährliche Quelle für Fake-News?

Beides. Es ist sehr schwer, Meinungen im Internet zu ändern. Und wenn du das geschafft hast, wirst du es nicht erfahren. Was wesentlich effektiver funktioniert, ist die Manipulation von Menschen. So wie es die AFD systematisch in den Facebook-Gruppen betrieben hat. Die haben Männer zwischen 45 und 55 Jahren genommen und die mit AFD-Wahlwerbung, Fake-News und Hetze zugeschissen.

Kategorie:Campus, newsbox
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