Rassistisch, sexistisch, konservativ?

Ein Abend in der Studentenverbindung

David und Arnaud gewähren uns Einblicke in das Leben in einer Studentenverbindung. Foto: Kristin Schaper

David und Arnaud gewähren uns Einblicke in das Leben in einer Studentenverbindung. Foto: Kristin Schaper

Was ist wirklich an den Vorurteilen und Gerüchten über Studentenverbindungen dran? Sind sie frauenfeindlich? Stimmt es, dass sich die Burschen tatsächlich ein Bier nach dem anderen reinknallen, um es danach direkt wieder in einen Eimer zu erbrechen? David (26) war mal Mitglied bei den Corps Frisia und Arnaud (29) ist inaktiver Bursch bei der Landsmannschaft Makaria. Beide geben uns Einblicke in das Leben eines Verbindungsmitglieds.

 

Aus welchen Gründen seid ihr ursprünglich den Verbindungen beigetreten?
David:
Ich hatte keine Ahnung von Verbindungen und bin dann günstig an ein cooles großes Zimmer in einem verdammt coolen großen Haus gekommen. Also habe ich mir gedacht, ich guck mir den Spaß einfach erstmal an…
Arnaud: Die Wohnungssuche ist für viele wirklich häufig der erste Berührungspunkt.

Tritt man einer Verbindung nicht auch aus anderen Gründen bei? Vielleicht auch wegen des Freibiers?
A:
Wir haben immer donnerstagabends Stammtisch, da kann sich jeder drei Biere anstreichen lassen und das wird dann am Ende auf uns alle umgewälzt. Aber Freibier an sich gibt es nicht.

Gab es bei euch Freibier, David?
D:
Bei Veranstaltungen lief es auch über die Gemeinschaftskasse oder es spendierte mal ein Alter Herr ein Fass.
A: Genau, die Rechnung kann sehr hoch werden (beide lachen). Dieses Anstreichen ist ja anders, als würde man direkt das Geld für das Bier bezahlen. Am Ende des Monats wundert man sich immer, was da alles zusammengekommen ist.

David, du warst Mitglied in der Studentenverbindung Corps Frisia Braunschweig. Warum bist du ausgetreten?
D:
Was mich gestört hat, waren zum Beispiel die anderen Corps. Wenn diese uns besucht haben, war es echt nervig. Zum einen haben sie unsere Zimmer betreten, obwohl das eigentlich tabu war und zum anderen wurde aufs Plumpeste gesoffen. Dann gab es Spiele, wie den „Bierjungen“. Eigentlich stichelt man da nur ein bisschen, aber es wurde häufig übertrieben, um dem anderen dann die Karte zu reichen und zu fechten – ohne Schutz und mit scharfen Klingen. Da ging es nicht um Sportlichkeit, sondern nur darum den anderen zu verletzen.
A (ungläubig): Das war so schlimm bei euch?
D: Sie trinken auch nicht, um betrunken und locker zu werden oder weil es schmeckt, sondern einfach, weil man es macht. Zu Beginn wurde erstmal ein Eimer auf den Tisch gestellt, um sich übergeben zu können. Vor dem Biertrinken hat man das Kotzen gelernt. So war jedenfalls mein Eindruck von den anderen Corps.
A: Nee, also solche kompletten Abstürze sind das bei uns nicht. Bei uns ist es so, dass keiner gezwungen wird.
D: Bei Frisia gab es keinen Saufzwang, aber eine Art Saufdruck schon, wenn uns die anderen Corps besucht haben.
A: Ich war nie einer, der es drauf angelegt hat, fand es aber ganz lustig, weil Männer so stumpf und wettkampforientiert sind.
D: Ja, ich fand „Bierjunge“ auch immer witzig und gut mein Bier als Erster leer zu haben.
A: Das sind halt so kleine Siege, die das Leben irgendwie fröhlicher machen.

Ist es wahr, dass die Burschen ihre Machtposition gegenüber den Füchsen ausnutzen?
D:
Jain. Es ist einfach selbst organisiert und verwaltet und da bist du als Fuchs in der Hierarchie erstmal ganz unten. Du wärst aber als Bursch aufm Haus genauso davon betroffen.
A: Bei uns gibt es die Fuchsenzeit. Das sind drei Semester und währenddessen hat man einen Fuchsmajor über sich. Der kümmert sich um den gesamten Nachwuchs und stimmt auch stellvertretend für die Füchse ab. Man kann aber auch als Fuchs an unseren Treffen teilnehmen. Es ist nicht so, dass man völlig ausgeliefert wäre. Nur abstimmen dürfen die Füchse nicht. Am Anfang hat man auch häufig einen ziemlich hohen Ausschuss an Füchsen. Die Leute ziehen hier ein und aus.
D: Daher hat man auch erst was zu melden, wenn man fest dabei bleiben möchte.

Wurdest du einmal bestraft, Arnaud?
A:
Das passiert, wenn man Regeln nicht einhält oder sich daneben benimmt. Einfach mit dem Ziel die eigenen Leute wieder auf den richtigen Weg zu lenken.
D: Und was hast du ausgefressen? (lacht)
A: Ich hab mich so sehr über den Schiedsrichter bei einem Bayernspiel geärgert, dass ich aus Versehen ein Loch in die Wand gehauen habe (lacht). Und dann sind noch zwei andere Sachen passiert, aber an die kann ich mich nicht mehr wirklich erinnern. Es gibt Verweise, das ist so ein Klaps auf den Hintern und davon kann man drei ansammeln. Und wenn man den vierten bekommt, gibt es bei uns diesen „Schwarzwald“. Dann darf man über vier Wochen keinen Alkohol trinken, muss jeden Tag die Uni besuchen und darf innerhalb der Verbindung mit niemandem reden außer mit seiner persönlichen Ansprechperson.

Wie ernst nehmt ihr das Lebensbundprinzip?
D:
Ich bin tatsächlich auch deshalb ausgetreten, weil ich mit einigen dieser Leute nicht ewig zu tun haben wollte. Zu manchen habe ich immer noch Kontakt.
A: Ich finde es schön, dass ich immer, egal wo ich gerade bin, eine Anlaufstelle und Ansprechpartner haben werde. Das ist für mich das Lebensbundprinzip: Man versucht einfach das hier so gut wie möglich weiterzubringen.

Jetzt wird gepaukt: Das Fechten gehört zumindest bei den schlagenden Verbindungen dazu. Foto: Kristin Schaper
Jetzt wird gepaukt: Das Fechten gehört zumindest bei den schlagenden Verbindungen dazu. Foto: Kristin Schaper

Stört es euch nicht, dass man am Ende für die Verbindung Geld bezahlen muss?
A
: Man zahlt dafür, dass es hier weitergeht. Jetzt gerade bezahlen ja auch die, die ihr Studium beendet haben, den Strom und von den Alten Herren bekommen wir manchmal auch ein bisschen Geld, um das Haus instand zu halten.
D: Und du profitierst am Anfang davon und ich würde mich andersrum wahrscheinlich auch eher schlecht fühlen, wenn mich irgendwer subventioniert und ich dann sage: „Fick dich!“ Das ist halt ein Rentenkassenprinzip.
A: Ja genau, man wird unterstützt und man unterstützt auch später.
D: Als Student hast du ja auch die Möglichkeit Alte Herren anzusprechen, damit die dir ein Praktikum oder einen Job verschaffen. Das ist halt so ein… (Beide zeitgleich): Geben und Nehmen!

Also würdet ihr Verbindungen auch als eine Art Jobbörse bezeichnen?
A:
Nicht unbedingt. Man hat schon Kontakte. Hier wissen wir, wer wo arbeitet. Aber seitdem ich hier bin, habe ich keinen erlebt, der so an einen Job gekommen ist.
D: Du schreibst ja nicht in den E-Mailverteiler: „Hey Leute, ich bin fertig mit dem Studium und hätte gerne einen Job bei VW. Wer von euch alten Herren kann mich da reinbringen?“, sondern man kommt ins Gespräch und findet Übereinstimmungen, Interessen.

Worum geht es bei einer Mensur?
A:
Für mich war das so eine Art Mutprobe.
D: Ich sehe das auch als Überwindung!
A: Man beweist, wie wichtig einem das hier ist!

Da muss sich durchgekämpft werden, um wirklich dazuzugehören, richtig?
A:
Ich habe noch nie erlebt, dass jemand nicht bestanden hat. Man schaut, wer ungefähr auf einem Level ist, das nennt man dann „aushandeln“: Man achtet zum Beispiel darauf, dass beide die gleiche Größe haben und der Unsportliche dem Unsportlichen zugeteilt wird.
D: Das ist eine gemütliche Runde und beide kommen durch.

Aber die Klingen sind scharf?
A:
Mensuren sind immer scharf!

Warum riskiert man einen Schmiss?
A:
Ich weiß nicht, wir Männer sind halt…
D: …dumm! (lacht laut) Das ist auch so ein Lebensbund-Ding.
A: Man steht für etwas ein, kneift die Arschbacken zusammen, stellt sich da hin, für den eigenen Bund und zeigt dem, dass einem das wichtig ist und dass man einfach dazugehören möchte.

Warum besteht diese strikte Trennung zwischen Männern und Frauen?
A:
So strikt ist die nicht. Es ist wirklich nur die Kneipe, von denen wir fünf im Jahr haben und an dreien von denen dürfen keine Frauen teilnehmen. Das ist wie ein normaler Männerabend, nur eben hier in der Verbindung.
D: Man bleibt unter sich. Wo sich dann aber die Frage stellt, warum man in der Verbindung nur unter Männern ist.
A: Um ein Gemeinschaftsgefühl, eine Gruppendynamik unter sich zu erzeugen.
D: Das wäre echt kompliziert mit Frauen.

Warum?
D:
Weil ich nicht glaube, dass man das mit den Schlafzimmern so getrennt hinkriegen würde (lacht). Das wäre vielleicht nicht gut für den Lebensbund. Man heiratet ja auch nicht seine Ex.
Ist diese Ausgrenzung nicht sexistisch?
A: Also ich persönlich würde Frauen eher beschützen wollen und dann möchte ich nicht, dass sie Dinge wie die Mensur erleben müssen. Wir Männer sind halt so doof und laufen gegen Türen und brechen uns die Zehen, aber Frauen sind viel vorsichtiger und man will euch ja auch nichts antun.

Verheimlicht ihr manchmal, dass ihr zu einer Verbindung gehört?
A:
Ja, manchmal hat man schon das Gefühl, dass man das gar nicht zeigen sollte, weil man dann gleich wieder in eine Schublade reingesteckt wird.

Unter welchen Vorurteilen leidet ihr?
A:
Ich würde darauf tippen, dass wir alle als Nazis abgestempelt werden. Vielleicht auch, weil es leider „Schwarze Schafe“ gibt, die natürlich in den Medien präsent sind. Ich bin Franzose, wir haben auch Ausländer hier bei uns und Schwule.
D: …nur keine Frauen!
A: Nee, nur keine Frauen! (lacht)

Gibt es in Braunschweig Verbindungen mit rechter Tendenz?
A:
Also ich hatte nie das Gefühl!
D: Ich war einmal mit meinem Leibbursch bei einer Burschenschaft auf ein freundliches „Couleur-Bier“ und die standen unten im Keller zu zweit, ohne dass irgendeine Veranstaltung war, im Anzug und haben Marsch-Musik gehört. Das hat mich zumindest irritiert!

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