Wenn Vielfalt braun ist …

Die Braunschweiger Burschenschaft Thuringia hat ihr 14. „Deutschlandseminar“ angekündigt. Unter den Rednern sind vor allem Vertreter der politischen Rechten. Der AStA reagiert entsetzt und die um Weltoffenheit bemühte TU Braunschweig prüft den Fall …

Das Verbindungshaus in der Konstantin-Uhde-Straße war das ursprüngliche Ziel des Demozuges. Foto: studi38

Das Verbindungshaus in der Konstantin-Uhde-Straße war das ursprüngliche Ziel des Demozuges. Foto: studi38

Studentenverbindungen sind ebenso vielfältig wie umstritten: Mindestens 36 gibt es, wie wir in unserer letzten Ausgabe berichteten, allein im Verbreitungsgebiet von studi38. Viele berufen sich auf Traditionen und pflegen Bräuche, die den meisten von uns aus der Zeit gefallen erscheinen. Während manche die Religion, andere der Sport oder die Musik eint – befinden sich auch Männerbünde darunter, die sich politisch irgendwo zwischen national-konservativ und stramm rechts einordnen lassen. Dazu gehört insbesondere die Braunschweiger Burschenschaft Thuringia. Mitglieder der Studentenverbindung haben in der Vergangenheit bereits häufiger durch Aktionen und Veranstaltungen gezeigt, wie sehr sie zum antiquierten Fremdkörper auf dem Campus geworden sind. 

Als einzige Braunschweiger Verbindung ist sie nach der Forderung eines „Ariernachweises“ auf dem Burschentag 2012 in Eisenach, Mitglied des Dachverbandes Deutsche Burschenschaft geblieben. Für den 1. Juli haben die Studenten, die auf eine 1868 in Hildesheim gegründete Fechtgruppe der Maschinen- und Mühlenbauer zurückgehen, zum 14. Mal ein „Deutschlandseminar“ geplant und unter dem Leitthema „Die Bewahrung unserer Identität“ Referenten und eine Kunstausstellung ins Verbindungshaus an der Konstantin-Uhde-Straße eingeladen hat. Spätestens auf der zugehörigen Internetseite deutschlandseminar. info offenbart sich der Charakter dieser zunächst harmlos klingenden Veranstaltung. So ist als Redner unter anderem der ehemalige Pegida Wien-Sprecher Georg Immanuel Nagel eingeladen. Außerdem soll Dr. Dr. Thor Waldstein sprechen, der früher im Bundesvorstand der NPD tätig war. Komplettiert wird die Rednerliste durch den früheren stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Republikaner, Dr. Björn Clemens.

Die Initiatoren zeigen sich zudem „stolz eine Ausstellung, sowie Kunstbeitrag von Wolf PMS ankündigen zu dürfen“. Das PMS im Künstlernamen soll für „Politisch Motivierte Schreibkunst“ stehen. Aktuelle Motive, die der Calligraffiti-Künstler auf seiner Facebook- Seite zeigt, heißen „Wir sind die Völker“, „Heimat“ oder „Reconquista“ – zu deutsch: Rückeroberung.

Der AStA der TU sieht in der Veranstaltung den Versuch, „an der Universität einen Ort der Vernetzung für Angehörige der Neuen Rechten und Rechtsextremen zu schaffen“. Weiter heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung: „Als Vertretung der Studierendenschaft ist es uns wichtig zu zeigen, dass es für Rechtsextremismus keinen Platz an unserer Universität geben darf.“ Auf die Äußerungen des AStAs hat die Burschenschaft Thuringia jetzt mit einer eigenen Stellungnahme reagiert. „Die Redner wurden von uns bewusst so gewählt, dass diese auch „unbequeme“ bzw. „verfemte“ Meinungen vertreten, welche oft aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen werden“, heißt es darin. Man freue sich über „Teilnehmer aus allen politischen Lagern, damit im Anschluss an die Vorträge eine angeregte Diskussion stattfinden kann“.

Auch die Universitätsleitung setzt sich mit dem geplanten „Deutschlandseminar“ auseinander. „Die Verwaltung werde die Burschenschaft um eine Stellungnahme bitten“, erklärt Pressesprecherin Elisabeth Hoffmann gegenüber studi38. Und weiter: „Wir sind eine weltoffene Hochschule mit vielen internationalen Studierenden, die hier freundlich und mit Respekt aufgenommen werden.“

Erst im Februar dieses Jahres war es im Zuge eines „Zeitzeugenvortrags“ mit „einem Veteranen des II. Weltkrieges“ vor dem Gebäude der Burschenschaft zu Protesten gekommen. Referiert hatte damals Klaus Grotjahn, dessen Autobiografie unter dem Titel „Von der 8,8 cm-Flak zur SS-Division ‚Nordland‘ – Im Endkampf um Berlin“ im Nordland-Verlag erschienen ist.

Das im thüringischen Fretterode ansässigeUnternehmen wird offiziell von Nadine Heise geführt, die seit 1999 mit dem mehrfach verurteilten Neonazi Thorsten Heise verheiratet ist. Vom Gutshaus Hanstein aus werden kriegsverherrlichende und geschichtsrevisionistische Medien verlegt. Aktuell sind mehrere Kalender im Angebot: Unter anderem „Männer der Waffen-SS 2017“ oder ein „Heimatkalender. Sudetenland in Farbe 2017“.

Der könnte auch bei Vertretern der Braunschweiger Thuringia Anklang finden. So hatte die Burschenschaft im Jahr 2004 mit einem Aushang zur EU-Osterweiterung für allgemeines Kopfschütteln gesorgt – der Wortlaut: „Wir begrüßen Schlesien, Westpreußen, Pommern, Süd-Ostpreußen und das Sudetenland in der EU. Ein großer Schritt für Europa – ein größerer Schritt für Deutschland!”

Mit diesem Aushang feierten die Studenten der Burschenschaft Thuringia die EU-Osterweiterung im Jahr 2004. Foto: Kristin Schaper

Mit diesem Aushang feierten die Studenten der Burschenschaft Thuringia die EU-Osterweiterung im Jahr 2004. Foto: Hendrik Rasehorn

Das alles mag bei einem Männerbund, der sich dem Wahlspruch „Ehre, Freiheit, Vaterland“ verschrieben hat, nicht verwundern. Aber es macht die Thuringia zum antiquierten Fremdkörper auf einem Campus, der jedes Jahr weltoffener und bunter erscheint. Hier wäre auch die TU Braunschweig selbst gefordert. Schließlich erkennt sie die Burschenschaft weiterhin als studentische Vereinigung an und führt sie als solche auf den eigenen Internetseiten.

Auf Nachfrage stellt TU-Pressesprecherin Elisabeth Hoffmann klar: „Nach der aktuellen Satzung würde die Thuringia den Status der Studentischen Vereinigung der TU Braunschweig nicht erhalten. Schon allein, weil der Gleichstellungsgrundsatz fehlt.“ Zu diesem gehört, dass Studierende unabhängig von Geschlecht und Herkunft Mitglied werden können. Für bereits zugelassene Vereinigungen gilt jedoch ein Bestandsschutz. Rechtsgrundlage für eine Aberkennung des Status sei die Verfassungsfeindlichkeit. Eine Gesinnungskontrolle will an der TU niemand. „Wir prüfen gerade sehr genau und nehmen das Thema Vielfalt in alle Richtungen ernst“, betont Hoffmann und führt aus: „Der Campus soll ein Ort der inhaltlichen Auseinandersetzung bleiben. Solang sie verfassungskonform sind, müssen wir auch Positionen aushalten können, die uns politisch nicht gefallen.“

Kategorie:Allgemein, Campus
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