Wer frisst hier wen?

Die Leistungsgesellschaft frisst ihre Kinder. Oder fressen sich die kleinen Narzissten selbst?

Leistungsfähiger, erfolgreicher, besser: Ich. Foto: Fotolia / photographee.eu

Leider sitze ich im Bus und lausche Gesprächen – mehr zwangsläufig als freiwillig. Klausuren, Abgaben, Vita füttern, Auslandssemester, Feiern, Urlaub und Praktikum. Man könnte meinen: ganz normale Studentengespräche. Doch was fällt auf? Es dreht sich dabei immer nur um die Person, die spricht. Das eigene Selbst. Die eigene Sonne. Einerseits spürt man den Druck, der auf denen lastet, die sich um ihre Vita kümmern müssen, bei jenem Busgespräch jedoch nicht ohne den subtilen Hauch von Hybris.

Jeder kann alles erreichen. Die Führungsposition über namenlose Angestellte. Jede Gehaltsstufe. „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Doch alles hat seinen Preis. Und ob Karma oder Kosmos – alles strebt nach Ausgleich. Die zukünftigen MaschinenbauerInnen machen sich zum Aussteigen bereit. Einer bleibt sitzen und betrachtet stumm sein Fenster-Ebenbild. Die anderen verlassen den Bus. Es ist ja nicht so, dass die Menschen nichts Gemeinnütziges tun. Nur ist der wahre Grund wohl zumeist die Vita, also egoistischer Natur. Für ein Auslandssemester, ein Stipendium, einen Job bei VW. Saturiert sind wir und doch bekommen wir den Hals nicht voll. Streben nach immer mehr. Dabei bleiben Tugenden, wie Bescheidenheit und Authentizität auf der Strecke. Außer natürlich in Bewerbungsgesprächen. Aber nur im richtigen Mischungsverhältnis: Drei Teile Selbstbewusstsein, zwei Löffel Speichellecken, eine Messerspitze Selbstaufgabe und alles garniert mit einer Prise Bescheidenheit. Wer weiß wo wir alle wären, wenn nicht Geld und Prestige die zwar offiziell verschwiegenen, aber insgeheim fast immer maßgeblichen Zugkräfte unseres Handels wären? Zugegeben, Zeit ist neben Geld das rarste Gut, dass Studenten zur Verfügung haben, die in der Regelstudienzeit fertig werden wollen – dasselbe Phänomen bei jenen, die ins Berufsleben starten. Der Ruf nach Entschleunigung wirkt im Zuge dessen nur noch zynisch. Doch wie diesem Dilemma entrinnen? Subventionen oder Bürgergeld für alle, damit jeder gesichert ist und nur diejenigen, die mehr wollen auch mehr arbeiten müssen? Damit dem Egoismus entgegengewirkt wird und Zeit für Dinge ist, die den Menschen glücklich machen oder um anderen zu helfen? Denn wie soll man wohltätig sein, wenn man acht Klausuren schreibt und von morgens bis abends lernt oder zehn Stunden bei der Arbeit sitzt? Um noch einmal Brecht zu Wort kommen zu lassen: „Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst. Nur dadurch lebt der Mensch. Vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist.“ Die omnipräsente Frage bleibt: Was nützt das Geld, was nützt Prestige, wenn man am Ende des Tages mit den falschen Freunden am Tisch sitzt und die Moral – an den Kindertisch verbannt – die Serviette abfackelt?

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