Wohnen für Hilfeplus

Jung und Alt unter einem Dach

Jakob ist 24 und voraussichtlich bald „Wirtschaftsingenieurswesen Maschinenbau“-Student in Braunschweig. Foto: Dunja Ladhib

Wer kennt es nicht? Gerade freut man sich über die Zusage seiner Wunsch-Uni und schon steht man vor der nächsten Hürde – der Wohnungssuche in der neuen Stadt! Auch in Braunschweig und Umgebung stellt der Mangel an bezahlbarem Wohnraum ein großes Problem dar. Auf der anderen Seite leben Senioren oft allein, obwohl sie über ausreichend Wohnraum für mehrere Personen verfügen. Viele der Senioren wünschen sich etwas Unterstützung bei alltäglichen Aufgaben wie Einkaufen, Kochen, Gartenarbeit oder Putzen.

Um diesen beiden Problemen entgegenzuwirken, hat das Studentenwerk OstNiedersachsen das Projekt „Wohnen für Hilfe plus“ ins Leben gerufen. Zusammen mit seinen Kooperationspartnern, dem Seniorenbüro der Stadt Braunschweig und ambet (Ambulante Betreuung hilfs- und pflegebedürftiger Menschen e.V.), sollen Wohnpartnerschaften zwischen Alt und Jung entstehen. Auf diese Weise können die Studierenden kostengünstig oder sogar kostenlos ein Zimmer oder eine Wohnung bei Senioren mieten, wenn sie diese im Gegenzug im Alltag unterstützen. Pflegetätigkeiten sind hierbei ausdrücklich ausgeschlossen! Welche Hilfeleistungen genau gewünscht sind und wie viel Mietnachlass durch die Entlastung letztlich erfolgt, ist innerhalb der Wohnpartnerschaft selbst zu vereinbaren. Als Maßstab gilt: Für jede Stunde Hilfe im Monat wird die Miete für einen Quadratmeter Wohnfläche erlassen. Als Vermieter kommen zwar vordergründig, jedoch nicht ausschließlich Senioren in Frage. Auch Familien mit einem freien Zimmer können an dem Projekt teilnehmen. studi38 hat mit zwei Bewerbern gesprochen, die am Projekt teilnehmen wollen.

Jakob ist 24 und voraussichtlich bald „Wirtschaftsingenieurswesen Maschinenbau“-Student in Braunschweig. Er ist ein sehr sozialer Typ. Vier Jahre lang reiste er um die Welt – Australien, Neuseeland, Taiwan, Irland und Ruanda. Hier lernte er nicht nur viele neue Leute kennen, sondern engagierte sich, wo er konnte.

Du bist ja schon ziemlich viel herumgekommen. Was hast du in all den Ländern gemacht?

In Australien und Neuseeland habe ich Work and Travel gemacht. In Australien habe ich dann meine Freundin kennengelernt, die aus Taiwan stammt. Da sie inzwischen wieder dort lebt, habe ich sie für eine Weile besucht. Dann war ich nochmal kurz in Irland und vor kurzem für einen Monat in Ruanda. Meine Mutter ist Ärztin und hat vor Ort in einem „Community Center“ gearbeitet. Dort konnte auch ich mich nützlich machen, indem ich Waisenkinder mit Handicap betreute.

Und wie sieht dein Leben hier in Deutschland aus?

Ich komme eigentlich aus der Nähe von Stuttgart. Da meine Familie nach Niedersachsen ziehen wird, habe ich mich hier nach einem passenden Studienplatz umgesehen. Ich möchte ab dem Wintersemester „Wirtschaftsingenieurswesen Maschinenbau“ an der TU Braunschweig studieren. Dafür steht bald das Vorpraktikum an. Ich wohne nun vorerst bei meiner Oma in Wittingen, bis ich ein Zimmer in Braunschweig gefunden habe.

Na, dann hast du ja bereits Erfahrung, was die Wohnpartnerschaft mit Senioren betrifft. Kann man das Zusammenleben mit deiner Großmutter mit dem Projekt „Wohnen für Hilfe plus“ vergleichen?

Na ja, es macht natürlich schon einen Unterschied, ob man bei der eigenen Oma oder fremden Personen lebt. Aber einiges ist schon sehr ähnlich, z. B. helfen auch wir uns gegenseitig. Meine Oma ist zwar 89 Jahre alt, aber noch ziemlich fit. Sie bringt mir das Kochen bei und im Gegenzug koche ich die neu erlernten Rezepte dann für uns beide. Ich bringe den Müll weg, mache ab und zu den Einkauf und habe mich um sie gekümmert, als sie mit Grippe im Bett lag. Sie ist mir eine große Hilfe, da ich günstig bei ihr wohnen kann, bis ich etwas Neues in Aussicht habe. Also ja, man kann es wohl doch vergleichen.

Was interessiert dich besonders an dem Projekt?

Da ich neu in Braunschweig bin, halte ich das Projekt für eine tolle Möglichkeit, um in der neuen Stadt Fuß zu fassen und sich nützlich zu machen. Normalerweise müsste ich mir erst mal eine Wohnung und außerdem einen Job suchen, um meine Miete zahlen zu können. In diesem Fall hätte ich beides unter einem Dach. Wobei die „Arbeit“ keine Arbeit im eigentlichen Sinne ist, sondern ein gegenseitiges Helfen. Ich finde, dass beide Seiten sehr davon profitieren können.

Was sagst du zur sozialen Lage in Deutschland?

Meiner Meinung nach gibt es eine Lücke im System. Der Staat sollte es als seine Aufgabe sehen, unseren älteren Mitbürgern angemessene Pflege zu gewährleisten, genauso wie er dafür sorgen sollte, Studierenden günstigen Wohnraum zu bieten. Ich sehe da ein großes Problem in Deutschland.

Was denkst du über die Vereinsamung von Senioren?

Ich habe den Eindruck, dass sich die Generationen auseinanderleben. Früher war es üblich, dass mehrere Generationen unter einem Dach lebten. Heutzutage ziehen die jungen Leute immer früher aus und oftmals weiter weg, zum Studieren oder Arbeiten. Das Zusammenleben mehrerer Generationen ist meist nicht mehr mit dem heutigen Lebensstil vereinbar.

Was für Hilfeleistungen könntest du anbieten?

Einkaufen, Rasenmähen, Fahrten zum Arzt und eigentlich alles, was so ansteht. Auch Kochen kann ich nun ja einigermaßen, dank meiner Oma.

Wie stellst du dir deine ideale Wohnpartnerschaft vor?

Ich habe da eigentlich gar keine genaue Vorstellung. Jedenfalls sollte das Zusammenleben auch als solches anzusehen sein. Wenn man sich den Wohnraum teilt, sollte man auch mal zusammensitzen, sich unterhalten und gemeinsam essen können. Ich höre mir gerne Geschichten von älteren Menschen an. Die haben meist viel zu erzählen, da sie schon viel erlebt haben. Ich interessiere mich außerdem für Musik und Kunst. Ich lerne gerade, Gitarre zu spielen und habe lange Geige und Klavier gespielt. Wenn mein zukünftiger Wohnpartner oder meine Wohnpartnerin auch eine musikalische Ader hätte, wäre das toll. Aber ich bin auch für alle anderen Aktivitäten offen und lerne gern Neues.

Gibt es irgendwelche No-Gos?

Eigentlich nicht. Ich lerne gern alle Leute erst mal richtig kennen. Wir sind alle Menschen und haben alle unsere Macken.

Kennst du ähnliche Konzepte?

In Neuseeland habe ich zusammen mit meiner Freundin bei unseren Vermietern gewohnt. Die waren auch schon älter. Wir haben ihnen öfter mal geholfen und durften im Gegenzug günstig bei ihnen wohnen. Wir haben auch ab und zu etwas miteinander unternommen. Der Vermieter war leider schwer krebskrank und ist noch während unseres halbjährigen Aufenthalts verstorben. Das war natürlich sehr schlimm für uns alle, aber wenigstens war seine Frau durch die Wohnpartnerschaft nicht alleine in dieser schwierigen Zeit. Zudem kenne ich aus dem Ausland Projekte wie „WWOOFing“ oder „HelpX“.

Hans-Jürgen Dehnert lebt in Wolfenbüttel, ist 63 Jahre alt und Rechtsanwalt. Foto: Privat

Hans-Jürgen Dehnert lebt in Wolfenbüttel, ist 63 Jahre alt und Rechtsanwalt. Auch er ist sozial sehr engagiert und hat es sich zu seiner persönlichen Aufgabe gemacht, das Leben unterschiedlicher Generationen miteinander zu verbinden.

Sie sind noch als Rechtsanwalt aktiv und haben eine eigene Kanzlei. Wie kommt es, dass Sie an dem Projekt teilnehmen möchten?

Vor einigen Jahren ist mein Vater verstorben. Seitdem lebt meine Mutter bei mir. Sie ist 93 Jahre alt und benötigt viel Unterstützung im Alltag. Sie wird von einem Pflegedienst betreut, der regelmäßig nach ihr sieht. Alles andere übernehme ich. Da ich selbst noch in meinem Beruf tätig bin, wünsche ich mir etwas Unterstützung. Natürlich werde ich mich auch weiterhin um meine Mutter kümmern, aber ein wenig Entlastung wäre toll.

Worin würde die Hilfe in diesem Fall bestehen?

Es geht um ganz alltägliche Hilfeleistungen: Einkaufen, Spazierengehen oder sich unterhalten. Wenn sonst mal etwas im Haus oder Garten ansteht, kann der oder die Studierende natürlich auch mal eine solche Tätigkeit übernehmen. Primär sollte jedoch die Betreuung meiner Mutter sein.

Kennen Sie ähnliche Konzepte?

Ich war schon immer fasziniert von Vorhaben, durch die man viel herumkommt, neue Leute kennenlernt oder sogar eine Zeitlang mit diesen zusammenlebt. Dazu fällt mir die Wanderschaft von Handwerksgesellen ein oder auch als Anhalter durch das Land zu reisen. So etwas gibt es leider immer seltener in Deutschland.

Haben Sie bereits Erfahrungen mit einem ähnlichen Projekt?

An einem Projekt wie diesem habe ich zwar nicht direkt teilgenommen, allerdings vermiete ich die Wohnung, bereits seit ich hier wohne, an Studierende. Ich lehre selbst an der Ostfalia in Wolfenbüttel. Den Studiengang „Wirtschaftsrecht“ habe ich mitentwickelt. Daher weiß ich, dass Studierende auch hier immer auf der Suche nach günstigem Wohnraum sind. Da ich die Wohnung also sowieso an Studierende vermiete und meine Mutter nun bei mir wohnt, erschien mir „Wohnen für Hilfe Plus“ als das Richtige für mich. Zudem lebte ich als Student in einer Studentenverbindung mit alten Herren. Das war immer sehr nett und eine interessante Erfahrung, von der beide Seiten sehr profitierten. Nun möchte ich diese positive Erfahrung gerne weitergeben.

Was macht das Projekt für Sie persönlich besonders spannend?

Ich bin stets versucht, Alt und Jung zusammenzubringen. Durch meine Lehraufträge und meine vorherige Tätigkeit als Personalchef bei MAN war die Nähe zu jungen Menschen für mich allezeit gegenwärtig. Die Wohnpartnerschaft hätte auch einen pädagogischen Wert. Junge Menschen lernen, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Familie heißt schließlich nicht nur, Kinder zu bekommen, sondern auch, sich um ältere Verwandte, wie Eltern oder Großeltern, zu kümmern. Das könnte also eine Art Testlauf für junge Leute sein.

Was sagen Sie zur sozialen Lage in Deutschland?

Ich denke, in Deutschland herrscht eine Schieflage: Es gibt immer mehr alte und immer weniger junge Menschen. Daher ist das Rentensystem gefährdet. Zudem wurde der Zivildienst abgeschafft, sodass junge Menschen oft gar nicht erst mit älteren in Kontakt treten. Deshalb ist es mir so wichtig, eine Verbindung zwischen den verschiedenen Generationen herzustellen.

Wie würde der oder die Studierende bei Ihnen wohnen?

In der oberen Etage ist eine kleine Wohnung mit eigenem Eingang, großem Balkon, zwei kleinen Zimmern, einer Küche und einem Bad. Draußen ist zudem ein überdachter Stellplatz für ein Fahrrad. Der oder die Studierende würde also eine eigene kleine Wohnung beziehen. Ich wohne unten und meine Mutter nebenan. Wir würden also nicht wie in einer WG zusammenleben, sondern jeder hätte sein eigenes Reich. Deshalb wäre es toll, bestimmte Zeiten für die Hilfe zu vereinbaren. Dann hätte meine Mutter immer etwas, worauf sie sich freuen kann. Das Finanzielle ist mir nicht wichtig, schließlich habe ich das Haus ja sowieso. Sollte also jemand nicht über entsprechende finanzielle Mittel verfügen, wäre ich gegebenenfalls sogar bereit, vollständig auf die Grundmiete zu verzichten.

Wie stellen Sie sich denn den idealen Wohnpartner bzw. die ideale Wohnpartnerin vor? Gibt es irgendwelche No-Gos?

Er oder sie sollte vor allem sehr geduldig und empathisch sein. Das ist besonders wichtig im Umgang mit älteren Menschen, denn diese können sehr schwierig sein. Auch wenn meine Mutter mal einen schlechten Tag hat oder einen bei der dritten Wiederholung noch nicht verstanden hat, sollte man ihr Ruhe und Geduld entgegenbringen. Das ist am wichtigsten! Meine Mutter geht mithilfe eines Rollators, allerdings fällt ihr das Laufen immer schwerer und sie müsste hin und wieder auch im Rollstuhl geschoben werden. Körperlich sollte die Person sich dies zutrauen können. In Wolfenbüttel gibt es auch Studiengänge aus dem sozialen Bereich, wie z. B. „Soziale Arbeit“. Vielleicht könnte die Wohnpartnerschaft auch der beruflichen Orientierung dienen. Dies ist natürlich kein Muss. In dieser Zielgruppe könnte jedoch Bedarf bestehen.

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