Der Mythos „Lerntypentheorie“

Warum er sich so hartnäckig hält und wie man erfolgreich durch die nächste Prüfung kommt!

Foto: Johanna Beyer

Foto: Johanna Beyer

Alle paar Monate das gleiche Spiel – die Klausurenphase steht bevor, und in kürzester Zeit müssen die Hunderte von Seiten langen Skripte aller Prüfungsfächer perfekt sitzen. Jeder hat dabei ganz eigene Techniken, um den Lernstoff zu bewältigen – mal sind diese wirklich hilfreich, mal notgedrungener Ausdruck purer Verzweiflung. Da kommen Theorien, die meinen erklären zu können, wie erfolgreich gelernt werden kann, gerade recht.

Eine dieser Theorien ist die Lerntypentheorie nach Frederic Vester aus den 1970er Jahren. In seinem Buch „Denken, Lernen, Vergessen“ unterscheidet er zwischen vier Lerntypen: dem Optischen, dem Auditiven, dem Haptischen und dem Intellektuellen. Da steht der 1,0 doch nichts mehr im Wege, oder? So einfach ist es aber nicht, meint Professorin Maike Looß, Abteilungsleiterin der Biologie und Biologiedidaktik an der TU.

Frau Professorin Looß, seit wann forschen Sie an der Lerntypentheorie?
Seit ich 2001 einen Aufsatz in „Die deutsche Schule“ geschrieben habe, forsche ich eigentlich gar nicht mehr zu dieser Theorie. Das war der entscheidende Aufsatz, in dem ich diese und verwandte Theorien nach Kriterien der Logik und internen Konsistenz analysiert habe. Ich muss dazu nicht weiter forschen, weil die Theorie nicht wissenschaftlich ist.

Wieso ist die Theorie nicht wissenschaftlich und wie Sie sagen, ein Mythos?
Die ersten drei Typen, also der Optische, Auditive und Haptische unterscheiden sich ja ersteinmal nach ihrem Wahrnehmungskanal für eine Information. Das heißt, entweder nimmt man eine Information über die Augen wahr, über die Ohren, oder man fasst etwas an. Hier passt dieser vierte Lerntyp, wie Vester ihn nennt, der Intellektuelle, ja schon gar nicht mehr hinein. Das ist ja kein Wahrnehmungskanal und negiert auch die intellektuelle Leistung bei den ersten drei Lerntypen. Man kann gedankliche Inhalte und Abstraktionen nicht dadurch verstehen, dass man sie entweder sieht oder hört. Beim Anfassen wird es dann ganz absurd. Es gibt nicht die Alternative, eine Sache abstrakt zu erfassen oder zu ertasten.

Und trotzdem hält sich die Theorie hartnäckig und ist recht weit verbreitet, oder?
Die Theorie ist bis heute tatsächlich populär, was einen wundern kann, weil es überhaupt keine wissenschaftliche Grundlage dafür gibt. Googlet man im Internet, ist es erschreckend, wie viele dieser Lerntypentests im Internet existieren. Diese findet man zudem in Zeitschriften, und die Theorie kommt auch in Fachdidaktiken, Schulbüchern und Lernratgebern immer wieder vor. Das erschüttert mich…

Warum glauben Sie ist die Theorie trotzdem so populär?
Weil es so simpel erscheint. Es wird ja ein Automatismus behauptet, der allein durch das Sehen, Hören oder Tasten, also quasi ohne kognitive Anstrengung, zum Verstehen führt. Lernen ist aber ein komplexer Vorgang, da kommt man mit solchen vermeintlichen Tipps und Tricks nicht weiter. Natürlich möchte jeder gerne ein Rezept haben, das sagt: „Finde deinen Lerntyp und schon bist du glücklich und schreibst nur noch Einsen.“ Aber so funktioniert es eben nicht. Vester hat seine Theorie auf eine scheinwissenschaftliche Ebene gehoben, und da es so einfach scheint, was er sagt, möchte man das gerne glauben.

Wenn man sich also nicht in Lerntypen einordnen kann, was für Strategien gibt es dann zum erfolgreichen Lernen?
Es gibt Lernstrategien. Das sind einmal Wiederholungsstrategien, Elaborationsstrategien und auch Organisationsstrategien. Und diese drei Strategien führen zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Inhalt, den ich lernen will.

Wie funktionieren die Lernstrategien?
Also bei der Wiederholungsstrategie ist klar, dass ich den Stoff – wie auch immer – wiederholen, mir vorsagen, oder mehrfach lesen muss. Das ist aber eher oberflächlich, denn wenn ich nur etwas wiederhole, habe ich es ja nicht unbedingt verstanden. Man kann es reproduzieren, aber in einer anwendungsorientierten Klausur könnte allein diese Strategie auch nicht zum Ziel führen. Etwas anderes ist es bei der Elaborationsstrategie. Bei der bearbeitet man Texte nocheinmal mehr, man bemüht sich um Verständnis, verknüpft Inhalte mit Vorwissen, versucht einen Transfer herzustellen, findet Beispiele oder fasst alles in eigene Worte zusammen. Das sind alles Verarbeitungsprozesse, die wichtig für das Verstehen sind.

Und die Organisationsstrategien?
Dazu gehört z.B. schon, dass man in Texten die zentralen Informationen heraussucht und markiert. Oder, dass man sich auch einmal Dinge visualisiert und Inhalte strukturiert.

Können diese Strategien wirklich helfen?
Ja, es hängt aber immer von der Aufgabe ab – was will ich lernen, wozu wird es verwendet, wo brauche ich es irgendwann wieder? Allgemeine Rezepte kann es eigentlich nicht geben, eher Regeln und Grundsätze. Das fängt ja schon beim Ressourcenmanagement an. Das ist auch ein Teil der Lernstrategie, dass man sich einen realistischen Zeitplan macht, rechtzeitig die Literatur besorgt, dass man nicht zu viel auf einmal lernt, man Pausen macht und ausreichend Ruhe hat. Der eine lernt lieber zu Hause in einer bekannten Umgebung und lässt sich dadurch auch nicht ablenken, und der andere geht lieber in die Uni-Bibliothek und sucht sich dort einen Platz.

Haben Sie sonst noch Tipps zum „guten“ Lernen?
Für Studierende ist es natürlich auch wichtig, Tutorien zu besuchen, wenn es die gibt. Es geht ja auch darum, dass man den Stoff ersteinmal verstehen muss. Genauso ist es mit Lerngruppen. Was auch wichtig ist, das Gelernte Anderen versuchen zu erklären, wenn man meint, etwas verstanden zu haben. Dann kommt meistens heraus, ob man es wirklich verstanden hat und es korrekt, verständlich und klar rüber bringen kann. An der Uni bieten einzelne Fakultäten spezielle Workshops zur Lernunterstützung an. Außerdem bietet die Psychotherapeutische Beratungsstelle des Studentenwerks OstNiedersachsen Gruppencoachings z.B. zur Arbeitsstrukturierung und Unterstützung bei der Vorbereitung auf Prüfungen an. Hier finden sich auch auf der Homepage schon diverse Materialien, die weiterhelfen können.

Kategorie:Karriere
Tags:, , , ,





Facebook
MensaPlan
Heute
Morgen

Preise gelten für: Studenten
Mitarbeiter/Gäste
Legende

Anzeige