Lebenslüge Jung Sein

Die US-amerikanische Philosophin Susann Neiman im Interview

Susann Neiman ist Philosophin und Direktorin am Einstein Forum in Potsdam. 2015 erschien ihr Buch „Warum erwachsen werden?“ Foto: Privat

Susann Neiman ist Philosophin und Direktorin am Einstein Forum in Potsdam. 2015 erschien ihr Buch „Warum erwachsen werden?“ Foto: Privat

Frau Neiman, warum ist das Thema besonders aktuell oder relevant?
Weil in diesem Zusammenhang eine Lebenslüge verbreitet wird: Die beste Zeit des Lebens sei zwischen 20 und 30. Und das ist weder empirisch, noch anekdotisch, wahr. Ich kenne niemanden, der freiwillig diese Jahre wiederholen möchte. Also warum wird diese Lüge verbreitet?

Gute Frage…
Ich kam zu dem Schluss, dass es eine politische Botschaft ist: nichts zu erwarten, und nichts zu verlangen. Vergiss die Ideale und Ideen – sie sind sowieso nicht realisierbar.

Viele Studierende fühlen sich nicht erwachsen. Führen Sie dies auf diese Lebenslüge zurück, diese Resignation?
Ja, wer möchte denn noch erwachsen werden? Selbst meine Freunde und Menschen über 70, die ich als einige der erfolgreichsten – im breitesten Sinne – Erwachsenen bezeichnen würde, sagten mir, als wir uns über unsere Arbeit austauschten, dass sie nicht erwachsen werden wollen.

Welche Rolle spielt dabei die Angst vor der Verantwortung?
Man trifft zum ersten Mal eigene Entscheidungen und dann fühlt sich jede davon irgendwie gewichtig an. Diese Liebesgeschichte oder dieses Studium oder dieser erste Job wird mein Leben für immer bestimmen. Das passiert eher zwischen 20 und 30. Wenn man älter wird, lernt man, dass Scheitern erlaubt ist. Natürlich bleibt es schmerzhaft, aber man lernt, damit umzugehen.

Also müssen wir all das, was wir mit dem Jungsein assoziieren – selbstbestimmt leben, dynamisch und fit sein –, nicht für das Erwachsenwerden aufgeben?
Absolut nicht. Ich denke, dass viele Alltagskomplimente wie zum Beispiel „der ist jung geblieben“, oder „ach, du siehst jünger aus“, die sehr banal klingen, dennoch Jungsein mit einer ganzen Reihe von Eigenschaften gleichsetzen, die nicht unbedingt etwas damit zu tun haben. Ich versuche, mir das abzugewöhnen. Weil ich finde, dass wir dadurch dazu beitragen Erwachsen sein zu unterminieren.

In Ihrem aktuellen Buch haben Sie geschrieben, dass ein Kern des Erwachsenseins ist, das Sein und Sollen im Blick zu haben. Was meinen Sie damit?
Dafür beschreibe ich am besten den Prozess des Erwachsenwerdens. Kleine Kinder haben zu Beginn keine Vorstellung davon, was nicht Wirklichkeit ist. Das heißt, sie nehmen die Welt hin, wie sie ihnen erscheint. In der Adoleszenz merken viele, dass Eltern und Lehrkräfte nicht recht hatten, dass die Welt nicht ist, wie sie sein sollte. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: man wird zynisch und sagt, dass Ideale und Hoffnungen sinnlose Luftschlösser sind, oder man kann sich an sie klammern.

Klingt beides nicht besonders erstrebenswert…
Für die meisten Menschen heißt erwachsen werden, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist. Ich dagegen sage, dass man erkennen sollte, dass die Welt anders sein könnte und versucht, die Kluft zwischen Sein und Sollen zu verkleinern.

Unsere Umwelt übt Druck auf uns aus. Kann man überhaupt richtig erwachsen werden, wenn man machtlos ist?
Wir sind nicht machtlos, aber wir fühlen manchmal so. Nur weil große Veränderungen Zeit brauchen, sollte man sich nicht den Mut nehmen lassen. Natürlich sind Politiker und Großkonzerne mächtig, aber nicht allmächtig, und sie nutzen das Gefühl der Machtlosigkeit und Resignation aus.

Ihr Plädoyer zum Erwachsenwerden?
Ja. Man muss aktiv werden und es gibt Dinge, die mir Hoffnung machen. Zum Beispiel die Occupy-Bewegung, Thomas Piketty, der einen Bestseller über Ökonomie schrieb, Papst Franziskus, der größte Neoliberalismus-Kritiker der Welt, und natürlich Bernie Sanders in den USA, wo Sozialismus ein Schimpfwort war. Wir müssen einfach dranbleiben.

Wäre es nicht an der Zeit für einen alternativen Begriff?
Eine Frage, die mir öfter gestellt wurde, als ich auf Lesung war, war, warum ich nicht den Begriff „mündig werden“ benutze.

Da bekommen alle, die in der Schule Kant lesen mussten, einen Schlag.
Genau! (Beide lachen.) Es kam mir auch nicht hilfreich vor und ich finde, dass man die Begriffe zurückgewinnen kann. Und es ist auch wahnsinnig schwierig, einen anderen Begriff zu finden, der die gleiche Kraft hat.

Kategorie:Karriere, newsbox
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