Clash of Cultures

Wieso Physiker Nerds sind und Germanisten in der Bibliothek verstauben

Grafik: Laura Amelung

Grafik: Laura Amelung

Wenn der Computer wieder einmal streikt, ruft jeder von uns wie selbstverständlich die IT’ler in der Freundesliste an. Dabei ist es egal, ob die einem schon zehn Mal erklärt haben, dass sie Datenbanken oder Algorithmen und nicht Windows studieren. Gleichzeitig ruft man den Philosophen an, wenn man einen Taxidienst von der Party nach Hause braucht. Immerhin wird das dem Klischee nach sowieso die Branche sein, in der die meisten Geisteswissenschaftler landen, da kann der schon mal üben.

Vermutlich hatte jeder von euch schon einmal mit diesen Vorurteilen zu kämpfen – egal, was ihr studiert. Doch was ist an denen eigentlich dran? Sind alle MINT’ler Technikexperten, und wenn die Geisteswissenschaftler schon keine richtigen Wissenschaften betreiben, was machen die denn dann überhaupt? Egal, wen man fragt: Beide Gruppen fühlen sich von der jeweils anderen missverstanden. Da gibt es die Naturwissenschaftler, die laut Karsten (27) „nicht sehen wollen, dass auch Technik immer einen kulturellen oder gesellschaftlichen Stellenwert hat“. Und Nils (24) hat „manchmal das Gefühl, dass Geisteswissenschaftler etwas entkoppelt sind von der Realität und mit logischen Zusammenhängen nicht so gut klarkommen“. Man redet von zwei unterschiedlichen Welten.

Naturwissenschaften wollen Fakten sehen, wiederholbare, protokollierte Experimente, welche immer zum gleichen Ergebnis kommen. Auch Geisteswissenschaften ist solch eine Herangehensweise nicht fremd. Auf den Punkt gebracht hat es Thomas S. Kuhn, als er in „Die Struktur wissenschaftlicher Revolution“ beschrieb, wie Wissenschaft sich entwickelt: von einem Paradigma zum nächsten. Weltvorstellungen werden postuliert, angenommen, und nach ihrer Prämisse gearbeitet, bis das Gegenteil bewiesen ist. Ein Beispiel hierfür ist das astronomische Weltbild und die Kopernikanische Wende. Naturwissenschaftliche Fachgebiete haben diese Paradigmen nach denen sie arbeiten – über Geisteswissenschaften hat Kuhn nicht geschrieben und Paradigma wie er sie beschreibt findet man in ihnen selten bis gar nicht.

Nicht, weil Methodik fehlt. Eher, da die postmoderne Sichtweise in vielen Geisteswissenschaften das komplette Verstehen ohne ständige Reevaluierung, ohne eine Vielzahl an unterschiedlichen Betrachtungsweisen und Fragestellungen, ablehnt. Heute ist allgemein bekannt, dass Wissenschaft Methodik, Experimente und Fakten umfasst. Doch dies war nicht immer so – tatsächlich hatte beispielsweise früher Chemie mehr mit Zaubertränken und Alchemie zu tun. Zwar entstanden die ersten Universitäten bereits im 13. Jahrhundert, aber die Disziplinen befanden sich noch in ihrer Definitionsphase. Noch bis ins 17. Jahrhundert galt man als ungebildeter Schimpanse, wenn man sich nur auf ein Wissensgebiet versteifte. Die Bildung war theoretisch, aber immerhin hat man sich interdisziplinär ausgetauscht.

Jodel als Bühne für Vorurteile: Eure Meinung zu Studierenden der MINT-Fächer (grün) und Geisteswissenschaften (rot) war gefragt ...

Jodel als Bühne für Vorurteile: Eure Meinung zu Studierenden der MINT-Fächer (grün) und Geisteswissenschaften (rot) war gefragt …

Erst Immanuel Kant sagte 1787 „Es ist nicht Vermehrung, sondern Verunstaltung der Wissenschaften, wenn man ihre Grenzen ineinanderlaufen lässt.“ Das Stichwort war Universalbildung wie man sie von Goethe, Da Vinci und Gauß kennt. Die Herrschaften waren kein Einzelfall ihrer Zeit, sondern ein Produkt. So war unser niedersächsischer Gauß nicht nur ein mathematisches Genie, sondern wandte seine Kenntnisse auch auf die Astronomie an und beschäftigte sich mit dem Erdmagnetfeld. Transfer und Austausch von Wissen galt in ihrer Zeit als Zugewinn! Erst mit der rasanten Vermehrung des Wissens im 18. Jahrhundert spalteten sich Fakultäten an den Universitäten voneinander ab, man spezialisierte sich. Universitäten wurden institutionalisiert, mehr und mehr Kenntnisse führten zu mehr und mehr Spezialisierungen.

Auf der einen Seite sorgt dies für eine Vertiefung des Wissens, auf der anderen Seite geht der Blick für das große Ganze, die Verbindung der Fächer verloren. Biologie beispielsweise besitzt 14 verschiedene Fachgebiete, welche nicht nur Verknüpfungen untereinander besitzen, sondern auch mit Mathematik und Chemie. Und die Anwendungen sowie Ergebnisse der Forschung überlappen sich immer mit Kultur und Gesellschaft, und damit mit Geisteswissenschaften. Das vorläufige Ende dieser Entwicklung kann man heute sehen: Eine Fakultät hat mit der anderen nichts mehr zu tun, intellektuell und selbst räumlich hat man sich voneinander getrennt. Das sehen auch Studierende wie Niklas (20), die uns bescheinigen, dass sie „kaum Kontakt zu Studierenden anderer Fachrichtungen“ haben. Und selbst wenn man die gleiche Sprache spricht, versteht man sich nicht mehr untereinander. Und auf dem Arbeitsmarkt? Bekommen alle BWLer einen Job und werden die meisten Geisteswissenschaftler Taxifahrer?

Der Unterschied sieht bereits auf den ersten Blick deutlich aus. Nun mögen einige schreien: Naja, Raketen, Nuklearkraft und Biotechnologien sind auch nützlicher für den Menschen als die Besprechung von Pablo Picassos „Guernica“, eine Abhandlung über Hiroshima und Nagasaki, oder Ethik. Aber gesunder Menschenverstand alleine, ohne auf die Geschichte zu blicken, zeigt, dass die Gesellschaft beides braucht, um voranzukommen, miteinander umzugehen, und letztlich auch Spaß zu haben – den Actionstreifen im Kino kann man schließlich auch nur dank CGI und ausgefeilter Geschichtserzählung genießen.

Ein Hinweis findet sich in der Verteilung von Geldmitteln innerhalb von Hochschulen. Dafür gibt es einen Vergabeschlüssel, welcher sich nach Lehrpersonal, Studierenden und Lehrauslastung richtet. Es gibt allerdings auch andere Finanzierungspläne, die das Budget der einzelnen Fakultäten beeinflussen. Da wären zum einen die Hochschulpaktmittel: Sie werden jeder Fakultät für die Schaffung neuer Studienplätze zur Verfügung gestellt.

Im Niedersächsischen Hochschulgesetz ist außerdem geregelt, wie viel die einzelnen Fakultäten pro eingeschriebenem Studierendem bekommen. Der momentane Wert dieser sogenannten Studienqualitätsmittel liegt momentan bei 440,81 Euro pro Studierendem und Semester. Diese Ausschüttung ist beschränkt auf die Regelstudienzeit plus vier weiterer Semester. Ganz frei verfügen können die jeweiligen Fakultäten nicht über dieses Budget: Insgesamt werden rund 46 Prozent an die einzelnen Fächer ausgeschüttet.

Dabei wird genau betrachtet, wo Lehrverflechtungen zwischen Studiengängen und Fächern zu finden sind. Das bedeutet, dass beispielsweise das Fach Mathematik quasi an den Ingenieurstudierenden „verdient“, da das Fach in diesem Studiengang einen großen Teil einnimmt und Lehre leistet. Darüber hinaus gibt es noch die leistungsorientierte Mittelvergabe, die sich nach lehrbezogenen, forschungsbezogenen sowie gleichstellungsbezogenen Parametern richtet. Insgesamt ist die Aufteilung an den Hochschulen um Gerechtigkeit bemüht. Seit Kant bleiben Wissenschaftler also unter sich.

Die Gehälter beziehen sich auf das durchschnittliche Bruttojahresgehalt inkl. variabler Anteile. Quelle: StepStone Gehaltsreport 2016 für Absolventen

Die Gehälter beziehen sich auf das durchschnittliche Bruttojahresgehalt inkl. variabler Anteile. Quelle: StepStone Gehaltsreport 2016 für Absolventen

Die Art, wie Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften Erkenntnisse erzielen, ist unterschiedlich. Und während Naturwissenschaftler fleißig immer tiefere Einblicke gewinnen fragen Geisteswissenschaftler, ob die Ergebnisse ethisch sind, nützlich, welche Auswirkungen sie auf Gesellschaft und Kultur haben. Da sind Meinungsverschiedenheiten natürlich vorprogrammiert – wer will sich schon von jemandem kritisieren lassen, der selbst keine eindeutigen Ergebnisse vorweisen kann? Ja selbst eventuell behauptet, dass es keine gibt?

Kategorie:Wissenschaft
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