„Was wäre Technik ohne Folgenabschätzung?“

Wir haben über die Kluft zwischen den Disziplinen und persönliche Erfahrungen an der Schnittstelle gesprochen.

Pia Stelzer studierte und arbeitet an der Schnittstelle. Foto: TU Braunschweig

Pia Stelzer studierte und arbeitet an der Schnittstelle. Foto: TU Braunschweig

Pia Stelzer (27) hat an der TU Braunschweig den interdisziplinären Master Kultur der technisch-wissenschaftlichen Welt (KTW) absolviert. Zurzeit arbeitet sie in einem Projekt zur Unterstützung von Langzeitstudierenden. Wir haben mit ihr über die Kluft zwischen den Disziplinen und persönliche Erfahrungen an der Schnittstelle gesprochen.

 

Studierende und Lehrende haben häufig Vorurteile über andere Fächerkulturen. Was meinst du, woran das liegt?
Wenn man ein Studium beginnt, wird man mit einer gewissen Struktur, bestimmten Regeln konfrontiert, die den Umgang miteinander bestimmen. Man wird sozusagen in die Kultur des jeweiligen Faches eingeführt. Dadurch bilden sich Vorurteile fast automatisch.

Wie hast du bisher den „Clash of Cultures“ erlebt?
An vielen Unis sind die Fächer schon geographisch voneinander getrennt. Hier und da gibt es kleine Durchmischungen, in einzelnen Vorlesungen und Seminaren, sonst treffen die meisten sich nur auf Veranstaltungen oder im privaten Rahmen. Ich selbst habe vor allem im KTW schnell herausgefunden, dass es in allen Fächern unterschiedlich zugeht und man immer mal wieder auf Menschen stößt, die anderen Fachbereichen gegenüber nicht so aufgeschlossen sind. Es hängt immer von den Einzelpersonen ab – ich würde das nie pauschalisieren. Im Freundes- und Bekanntenkreis waren die Reaktionen übrigens meist heftiger als in der Uni.

Was genau hast du erlebt?
Viele haben klassische Vorurteile und denken, Naturwissenschaften seien etwas Konkretes und Geisteswissenschaften nichts Handfestes.

Welche Folgen hat die Kluft zwischen den Disziplinen noch?
Sie schließt sich nicht automatisch, deshalb braucht man Leute, die vermitteln. Die verschiedenen Parteien müssen wieder miteinander ins Gespräch kommen. Was wäre Technik ohne Folgenabschätzung? Was wäre die Wissenschaft insgesamt ohne präzise Sprache? Was wäre Empirie ohne Reflektion?

Gute Frage …
Einige Naturwissenschaftler meinen, das was Geisteswissenschaftler können, können sie auch allein – ich denke, dass sie dabei unterschätzen, wie vielfältig die Geisteswissenschaften sind und wie anders dort gedacht wird. Ich habe zum Beispiel in meiner Masterarbeit über Denkhorizonte in der Raumfahrtkultur geschrieben – darüber reflektieren Ingenieure eher selten.

Wie könnte man die Kommunikation über Fächergrenzen verstärken?
Projekte sind in der Lage, nachhaltig etwas zu verändern, aber auch Forschergruppen und interdisziplinäre Veranstaltungsreihen. Für die Lehrenden wäre, denke ich, verstärkt Sensibilisierung nötig. Ein interessantes Beispiel ist die Veranstaltungsreihe „Zukunftsfragen kontrovers“, in der im Wintersemester regelmäßig mit Experten über ausgesuchte Themen diskutiert wurde.

Kannst du der klaren Trennung der Disziplinen auch etwas Gutes abgewinnen?
Ich denke, es muss sowohl Spezialisten als auch Generalisten geben, das ergänzt sich meiner Meinung nach wunderbar. Durch die Ausprägung interdisziplinärer Bereiche ergeben sich viele neue und spannende Berufsfelder, was natürlich praktisch für SchnittstellenwissenschaftlerInnen ist.

In welchen Bereichen werden Geisteswissenschaftler konkret gebraucht?
Man kann natürlich im wissenschaftlichen Bereich weiterarbeiten. Ansonsten sind Geisteswissenschaftler im Verlags-, Bibliotheks- und Archivwesen, im Management und in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gern gesehen.

Klingt nach vielen Möglichkeiten …
Geisteswissenschaftler können und müssen häufig den Quereinstieg wagen, da bietet es sich an, möglichst viele Zusatzqualifikationen zu sammeln und einzusetzen. Wir können ganz neue Tätigkeitsfelder für uns schaffen, die es vorher in dieser Form nicht gab.

Kategorie:Wissenschaft
Tags:, , , , ,





Facebook
MensaPlan
Heute
Morgen

Preise gelten für: Studenten
Mitarbeiter/Gäste
Legende

Anzeige