„…und dann kommt nur medioker Scheiss!“

Der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Harald Rau lehrt und forscht an der Ostfalia und hat ein Buch geschrieben, das Studierenden beim Schreiben von Abschlussarbeiten helfen soll. Wir haben als Hommage an den Text den Hörer liegen gelassen und per Chat nachgefragt.

Foto: Eleven studio - Fotolia

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Der Writing Code – da schwingt ein wenig der „Da Vinci Code“ mit. Absicht?
Wow, jetzt wird das Thema gleich richtig groß.  Das will ich mir definitiv nicht anmaßen. Ich kann allerdings nicht bestreiten, dass mir ein sehr eingängiger und zielführender Titel wichtig war. Ich möchte einfach klar machen, dass es um die Veränderung des inneren Codes geht.

Ist es denn ein großes Geheimnis, wie man eine gute Abschlussarbeit schreibt?
Nein – ganz und gar nicht. Aber es ist wichtig, dass man Routinen infrage – vielleicht sogar auf den Kopf – stellt. Wir sind gewohnt, Texte von vorne nach hinten zu schreiben, das kennen wir von klein auf. Damit ist hoffentlich spätestens nach der Lektüre des „Writing Code“ Schluss! Denn sonst kommt die Schreibblockade beinahe zwingend.

Warum werden die Studierenden nicht besser auf die letzte Hürde „Abschlussarbeit“ vorbereitet?
Weil es erstens für diejenigen, die so ein Großprojekt hinter sich haben, ganz wichtig ist, dass auch ihre Schülerinnen und Schüler es sich nicht einfacher machen dürfen; zweitens fällt das Schreiben tatsächlich individuell sehr unterschiedlich schwer und drittens nehmen Studierende oft Hinweise und Angebote gar nicht an, weil es mühsam ist, gewohnte Routinen zu durchbrechen.

Wie viele miese und brillante Arbeiten haben Sie schon vorgelegt bekommen?
Kürzlich hatte ich eine exzellente Arbeit auf dem Tisch. Da war die 1,0 gar keine Frage. Dieser Student hatte sich an sehr guten Arbeiten aus seinem Fach orientiert und dann seine eigene Arbeit so angelegt. Vielleicht auch ein Hinweis: Studierende, die viel lesen – auch und gerade andere wissenschaftliche Beiträge und Abhandlungen – schreiben deutlich bessere Abschlussarbeiten.

Wie häufig entstehen wirklich unterirdische Arbeiten, die das Zeug haben, Professoren zu quälen?
No comment, oder anders: zu oft!

Übern dicken Daumen?
Ganz oft hat man das Gefühl: Geiler Titel, tolles Thema, … und dann kommt nur medioker Scheiß!

Wie oft drücken Sie als Prüfer mehr als zwei Augen zu?
Ich bemühe mich, immer fair zu sein. Ein Studium soll ja auch der Nachweis sein, dass man etwas geleistet hat, deshalb ist es mit Augenzudrücken bei mir persönlich eher weniger stark ausgeprägt…

Kommen wir zum Inhalt: Am Anfang wartet das weiße Blatt. Warum muss man vor dem keine Angst haben?
Weil es mit dem „Writing Code“ keine Schreibblockaden mehr gibt. Der größte Fehler ist, die Aufgabe als zu groß zu sehen.

…also kleine Pakete?
Genau! Und wenn man sein finales Dokument sozusagen von Anfang an dazu erzieht, dann arbeitet man ja auch mit kleinen Paketen immer und jederzeit am großen Ganzen…

Anstreichen, rausschreiben oder doch gleich Citavi?
Alles gleich ins Dokument. Wer mit Citavi arbeiten kann, der muss es einfach verwenden! Ansonsten alle Inhalte in die Arbeit, Quellen unmittelbar und gleich erfassen.

Das ist anstrengend …
Ja, da braucht man Disziplin.

Und die zahlt sich aus?
Hundertprozentig. Für mich ist eine Abschlussarbeit 60 Prozent Disziplin und 40 Prozent Intelligenz. Aber beides hängt auch irgendwie zusammen …

Wir dachten, die Klugen halten es eher mit dem Chaos …
Wer das Chaos diszipliniert beherrscht, ist klug. Ohne Zweifel. Auch die Basisdatei kann ja über lange Zeit chaotisch geordnet sein – und dann am Ende zusammenwachsen und zu einem Text werden, der wie aus einem Guss erscheint. Der ‚Writing Code‘ hat übrigens ein Herz für Chaoten!

Das heißt, es scheitert häufig weniger am Intellekt als an der Struktur?
Absolut.

Wie macht man sich selbst glaubhaft klar, dass drei Monate keine lange Zeit sind?
Beste Frage! Sie sind ja gleichermaßen keine lange Zeit für ein großes Projekt. In der Industrie laufen Projekte schnell über ein bis zwei Jahre …

Das Interview mutet langsam wie eines mit einem Manager an …
Abschlussarbeitenschreiber sind Manager!

Wissensmanager?
Das ist ein guter Satz. Vielleicht so was wie Erwartungsmanager oder Wissensmanager meinetwegen. Projektmanager aber in jedem Fall.

Das Thema ist toll, das weiße Blatt nicht mehr ganz leer, aber ich bin nach jeder Sprechstunde mit meinem Professor verwirrter als vorher. Wie merkt man rechtzeitig, dass der Betreuer nicht der Richtige ist?
Rechtzeitig ist schwer, man sollte vorsichtig zuhören – dann erkennt man schnell, ob das Gegenüber wirklich Interesse an einem persönlich hat. Restrisiko bleibt, sagt Marc-Christian Ollrog, der gerade zum Termin hereingekommen ist.  Er hat Recht!

Pause?
Wenn es Ihnen nix ausmacht … Pause!

Prof. Dr. Harald Rau möchte Studierenden beim Schreiben helfen. Foto: Deutschland - Land der Ideen/Andreas Mann
Prof. Dr. Harald Rau möchte Studierenden beim Schreiben helfen. Foto: Deutschland – Land der Ideen/Andreas Mann

[Später] Die Unterbrechung war ein guter Aufschlag. Braucht es feste Schreibzeiten? Und was halten Sie vom Schreibexil?
Ich bin gegen feste Schreibzeiten – aber es soll Menschen geben, für die ist es sehr wichtig. Schreibexil … ich habe im vorletzten Jahr fünf Wochen in einem alten Ferienhäuschen (meines Bruders) an der Ostsee verbracht und habe lediglich rund drei Stunden am Tag geschrieben – mit dem Ergebnis, dass ich hyperproduktiv war. In den fünf Wochen habe ich die Grundlage für rund 300 Seiten Text gelegt. Also: Schreibexil kann funktionieren…

Was macht den Code im Kern aus?
Wenn man danach arbeitet, hat man immer etwas zu tun: kleine oder große Dinge – und man kann sich frei entscheiden, ob man lieber ordnen, recherchieren, exzerpieren, in großem Wurf umgestalten oder stilistisch feilen möchte.

Es ist also wichtiger, dass man arbeitet, als was?
Im Idealfall ist die Aufgabe nie so groß, dass man vor dem Berg kapituliert. Es ist wichtig, dass man unterschiedliche Arbeiten zur Verfügung hat – und nicht zwingend das eine tun muss. Das ist, glaube ich, das eigentliche Geheimnis.

Laptop oder Desktop PC?
Ganz klar: Laptop

Warum?
Immer alles dabei – und bitte in der Cloud. Wenn man beim Geburtstagskaffee der Großtante eine Idee hat, dann muss das Dokument greifbar sein.

Word, Open Office oder LaTex?
Ich präferiere Word, es hat die beste Gliederungsansicht der Branche, Experten schwören auf LaTex – dies aber bitte schon vor der Projektphase aneignen. LaTex ist eine Philosophie – Abschlussarbeit in Informatik oder ähnlichen Fächern? Dann führt daran nichts vorbei!

Wie oft MUSS man in die Sprechstunde?
Wie gut ist dein Betreuer? Wie intensiv brauchst du als Studierender das Feedback für die eigene Motivation? Die besten Arbeiten entstehen mit maximal drei Terminen, eher zwei. Es soll am Ende ja auch etwas Eigenständiges sein.

Wer öfter kommt, setzt die gute Note aufs Spiel?
Wenn bei den Sprechstunden Fragen kommen, die sich der Kandidat mit etwas Nachdenken selbst beantworten könnte, dann ist das unklug, weil dies garantiert auf die Bewertung durchschlägt.

Ok. Der große Wurf ist fertig, jetzt müssen meist Family & Friends ran. Wie findet man den besten Korrekturleser?
Das ist ein heikles Thema. Die, von denen man es erwartet, sind oft in Grammatik und Rechtschreibung nicht so fit. Ich empfehle zwei Durchgänge – beim fachlichen müssen bis zu drei KommilitonInnen ran.

Meist ist man froh, einen Willigen zu finden…
Drei wären gut – je mehr Perspektiven auf die Arbeit, desto besser. Danach kommt ein Durchgang zur Rechtschreibung-Grammatik-Kommasetzung. Das sollte jemand Fachfremdes machen…

Der Writing-Code ist in der ersten Auflage bereits vergriffen, wurde jetzt aber nachgedruckt. Foto: utb
Der Writing-Code ist in der ersten Auflage bereits vergriffen, wurde jetzt aber nachgedruckt. Foto: utb

Der Abgabetermin rückt näher. Zwei Stunden für Druck und Binden reichen, oder?
Früher hat man gesagt, nimm dir zwei Wochen! Meine Empfehlung ist immer noch: Versuche, mindestens eine Woche vor Abgabe komplett fertig zu sein, lass das Ganze noch drei bis vier Tage ruhen und schaue es dir dann noch einmal komplett an. Die meisten Dozenten legen übrigens keinen Wert auf besonderen Chic – Praktikabilität zählt mehr.

Das heißt konkret?
Ich präferiere zum Beispiel zweiseitig bedruckte Arbeiten mit gestanzter Ringbindung. Solche Arbeiten sind halb so schwer wie einseitig bedruckte – und nehmen in der Aktentasche weniger Platz weg, die kann man also auch in Papierform einfacher mitnehmen. Ringbindung – weil so die Arbeit aufgeschlagen auf dem Tisch liegen bleibt.

Strich drunter: Glauben Sie an die Abschlussarbeit? An ihre Sinnhaftigkeit?
Ja, definitiv –  ich erlebe immer wieder Studierende, die erst mit dieser so richtig in die Wissenschaftlichkeit finden, sich während des Arbeitsprozesses noch einmal erkennbar verändern und einen Schub nach vorne machen. Es gibt in einem Studium nichts Bedeutenderes als genau dieses – selbständig, diszipliniert, eigenverantwortlich und zielführend an einem Thema zu arbeiten, besser: es sich selbst zu erschließen.

Die nachfolgenden Generationen lesen und schreiben immer weniger. Wird das zunehmend zum Problem?
Ja. Hauptproblem: Lesen. Die Lesefähigkeit nimmt in meiner Beobachtung deutlich ab!

Also langsam lesen und Wichtiges nicht erkennen?
So etwa. Paraphrasieren fällt dann schwer. Wer viel liest, dem begegnen wunderbare Satzkonstruktionen, der verliert auch die Angst vorkomplizierten Texten, gewinnt von Buch zu Buch, ja von Seite zu Seite mehr Selbstvertrauen.

Gibt es Empfehlungen?
Horkheimer: die schönsten deutschen Wissenschaftssätze. Nietzsche: die dichteste Aussagenqualität. Bloch: visionäre Kraft. Von Foerster: mein absolutes Highlight, weil keiner so präzise ums Eck denken kann wie dieser Konstruktivist. Die Empfehlungen gelten für alle, die mit Sprache arbeiten wollen – selbst dann, wenn ich in den Ingenieurwissenschaften zu Hause bin…

Und Rau? Der „Writing Code“ ist in der ersten Auflage bereits vergriffen. Kennen Sie Ihre Zielgruppe besonders gut?
Geile Frage. Naja – ich selbst bin überzeugt von diesem Buch. Das Egoprogramm dabei: Ich möchte bitte nur exzellente, hervorragend gegliederte und bearbeitete Abschlussarbeiten auf dem Tisch haben.

Haben sich die Anmeldezahlen für Abschlussarbeiten bei Ihnen verringert?
Sie werden weniger, weil wir zwischenzeitlich mehr Kollegen hier haben. Aber im Moment eigentlich: nein!

Letzte Frage: 230 Seiten lesen, um 80 zu schreiben. Warum macht das Sinn?
Deshalb gibt es im „Writing Code“ einen Hinweis für Menschen, die eine schnelle Lösung brauchen. Alle wesentlichen Regeln und Aspekte der Arbeitsweise werden im ersten Kapitel kompakt und übersichtlich aufgelistet. Wer etwas mehr drumherum wissen und von den Erfahrungen anderer profitieren will, der darf das ganze Buch lesen.

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